Heft 2/2025 - Netzteil
Noch nie sei das Handy ihres Sohnes Sedat ausgegangen. Seit dieser am 19. Februar 2020 bei dem rassistischen Anschlag im hessischen Hanau als einer von neun Menschen ermordet wurde, achte sie darauf, dass der Akku immer aufgeladen sei, sagt Emiş Gürbüz und hält das Handy wie zum Beweis in die Kamera. Es sind solche Formen des Umgangs mit dem schmerzlichen Verlust der Hinterbliebenen, denen der zweistündige Dokumentarfilm Das Deutsche Volk von Marcin Wierzchowski in ruhigen, beobachtenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen Raum gibt. So wie sich die Kamera den Überlebenden, Freund*innen und Angehörigen der Mordopfer über einen Zeitraum von fast fünf Jahren widmet, begibt sie sich immer wieder auf die Suche nach einer möglichen Perspektive – nicht um den Tatbestand zu relativieren, sondern um ein besseres Verständnis zu schaffen, wie Bilder Wahrheit hervorbringen oder verabsolutieren können. So werden auch Helikopteraufnahmen der Polizei beim Überfliegen des Gebiets kurz nach der Tat in den Film montiert oder scheinbar banale Details wie die weißen Plastik-Stehtische in der Arena Bar, einem der Tatorte, als Auslassungen im Durcharbeiten der traumatischen Erfahrung präsentiert.
In seinen analytischen Momenten ähnelt Das Deutsche Volk der künstlerisch-forschenden Tätigkeit des Investigativkollektivs Forensic Architecture, das auch im Film vorkommt. Denn die Familien und Freund*innen von Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov sind nicht nur auf die Solidarität untereinander angewiesen. Sie müssen auch, das macht der Film deutlich, selbst tätig werden: angesichts von behördlichen Abgründen wie falschen Personenbeschreibungen, durch die manche Eltern erst Tage nach dem Mordanschlag vom gewaltsamen Tod ihrer Kinder erfuhren und für die es bis heute keine Entschuldigung vonseiten der Verantwortlichen aus der Politik gibt; angesichts der Frage, ob die – absichtlich verschlossene – Notausgangstür der Bar den Mordopfern zur Flucht hätte verhelfen können und inwiefern die Polizei mit verantwortlich für das Verschließen dieser Tür war (nachdem die Ermittlungen hierzu während der Dreharbeiten eingestellt worden waren, wurde inzwischen auch die Wiederaufnahme der Ermittlungen von der Staatsanwaltschaft abgelehnt); und schließlich angesichts der Tatsache, dass sich die Mehrheit der lokalen Bevölkerung gegen ein Denkmal für die Opfer im Zentrum von Hanau ausspricht. „Das waren keine Fremden“, wiederholt Emiş Gürbüz im Film die beschwichtigende Rhetorik vieler Politiker*innen, „aber warum sind sie dann erschossen worden?“
Wie unmissverständlich damit das zentrale Problem, der strukturelle Rassismus, benannt ist, der nicht nur die neonazistische Gewalttat, sondern auch die geradezu aggressive Nichtbeachtung der strukturellen Anteile von Rassismus bei der Aufklärung der Tat mitbestimmt hat (und dies weiterhin tut), offenbarte sich einen Tag nach der Premiere von Das Deutsche Volk auf der diesjährigen Berlinale, der zugleich der fünfte Jahrestag des Anschlags war. Emiş Gürbüz hielt auf der offiziellen Gedenkveranstaltung eine Rede, in der sie der Stadt Hanau die Vernachlässigung zentraler Pflichten bei der Prävention und Aufarbeitung der Tat und somit die Hauptverantwortung an den Morden vorwarf. Die Hanauer Koalitionäre von FDP, CDU und SPD kritisierten Gürbüz dafür scharf, fragten, weshalb sie „bei einer derartigen Gefühlslage die deutsche Staatsbürgerschaft beantrage“, und kündigten an, „das künftige Gedenken in kleinerem Rahmen durchzuführen“. Es folgte ein Brief von 222 Journalist*innen, Autor*innen und Kulturschaffenden, in dem diese eine Rücknahme der getätigten Aussagen sowie eine Entschuldigung bei Emiş Gürbüz und der Initiative 19. Februar Hanau forderten.1 Beides ist bis heute nicht geschehen.
Die Frage, wie an Gewalt erinnert werden sollte und wer darüber entscheidet, hat maßgeblich damit zu tun, inwieweit die Gesellschaft an antirassistischen Bündnisbildungen interessiert ist. Für die Bewältigung der Überlebenden von rechter Gewalt hat das unmittelbar Konsequenzen, wie ein anderer Dokumentarfilm zeigt: Die Möllner Briefe von Martina Priessner. Am 23. November 1992 wurden in der schleswig-holsteinischen Kleinstadt Mölln bei einem neonazistischen Brandanschlag auf die Häuser zweier Familien, die in der ersten Generation als sogenannte Gastarbeiter*innen in die Bundesrepublik gekommen waren, die beiden Kinder Yeliz Arslan und Ayşe Yılmaz sowie ihre Großmutter Bahide Arslan ermordet. Weitere Familienangehörige wurden schwer verletzt, der damals siebenjährige İbrahim Arslan überlebte nur knapp. Auch Die Möllner Briefe fokussiert auf die Perspektive der Hinterbliebenen, die unterschiedlich mit dem Trauma umgehen: Während sich İbrahim in der Vernetzung mit anderen Betroffenen ehrenamtlich engagiert, um die Erinnerung an die Geschichten der Opfer wach zu halten, was ihm bei der Aufarbeitung des Erlebten hilft (der Hustenreflex etwa, den er seit dem Brandanschlag hat, sei weg, sobald er darüber spricht), lässt sich sein Bruder Namık das brennende Haus samt Jahreszahl 1992 auf den Unterarm tätowieren und will abnehmen, da er sich als Reaktion auf den psychischen Stress, wie er sagt, „hinter dem Essen versteckt“ hat. Das Gespräch über den Anschlag fällt ihm immer noch schwer, ebenso seiner Schwester Yeliz, die nach der Tat geboren wurde und den Namen der ermordeten Schwester trägt.
Was die Geschwister fast drei Jahrzehnte lang nicht wussten: Nach dem Brandanschlag erhielt die Stadt Mölln Hunderte Briefe mit an die betroffenen Familien adressierten Solidaritäts- und Beileidsbekundungen (unter denen laut der Regisseurin auch rassistische Hassbotschaften waren, die der Film bewusst ausspart). Statt die Briefe an die Betroffenen weiterzuleiten, wurden sie im Auftrag des damaligen Bürgermeisters der Stadt, der Jurist war, geöffnet, zum Teil beantwortet und archiviert. 27 Jahre später entdeckte eine Studentin im Stadtarchiv von Mölln zufällig die vielen Kisten voller Briefe. Auf wiederholte Nachfrage der Familien bei der Stadtverwaltung, wie das alles passieren konnte, erhielten diese nur ausweichende Antworten. Der Film folgt İbrahim bei der Entdeckung der Briefe und der Begegnung mit drei ihrer Verfasser*innen, wobei immer wieder die Briefe selbst, die inzwischen an das Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) übergeben wurden, in Einblendungen zu lesen sind.
Die Möllner Briefe ist nicht nur Zeugnis des Sammelns, Erinnerns, Bewahrens, Gedenkens und Erzählens von migrantischer Geschichte im Kontext rechtsextremer Gewalt im gegenwärtigen Deutschland. Der Film ist auch ein Stück „Mediengeschichte“, wie Simon Rothöhler über das Behördenversagen von damals schreibt: „Politik der Demobilisierung vor dem viel geschmähten, aber eben mitunter doch alternativlosen ‚Hashtag-Aktivismus‘ von unten.“2 Denn in der Tat erfordert das Strukturproblem Rassismus nicht nur Solidarität, sondern auch Aufklärung und politische Konsequenzen. Dort, wo der Staat diesen Aufgaben nicht ausreichend nachkommen kann oder will, wird sie zur Aufgabe zivilgesellschaftlicher Auseinandersetzung.
[1] Yağmur Ekim Çay, Brief zu Hanau. Viel Solidarität für Emiş Gürbüz, in: taz, 25. Februar 2025; https://taz.de/Brief-zu-Hanau/!6068601/.
[2] Simon Rothöhler, in: „berlinale 2025. Short Message Service“, cargo, 17. Februar 2025; https://www.cargo-film.de/festival/berlinale/berlinale-2025/short-message-service-2025/.