Heft 2/2025 - Netzteil


Zwischen Bytes und Körpern: Was blieb, was fehlte

Betrachtungen zur Schau Radical Software: Women, Art & Computing 1960–1991

Aimée Kohn


Die Kuratorin Michelle Cotton hat mit ihrem Umzug von Luxemburg nach Wien auch die Ausstellung Radical Software: Women, Art & Computing 1960–1991 aus dem Mudam mit in die Kunsthalle gebracht – und lädt dazu ein, die Verbindung von Kunst und Technologie neu zu betrachten. Die Schau widmet sich dem Computer im weitesten Sinne: als Werkzeug, als Sujet, als Denkform. Im Zentrum stehen Frauen, die mit Computern gearbeitet, sie hinterfragt oder durch ihre künstlerische Praxis neu gedacht haben. Manche schreiben Code, andere übersetzen ihn visuell, wieder andere verweben die Logik der Maschine mit poetischen, körperlichen oder politischen Gesten.
Dabei erlaubte der größere Raum der Kunsthalle nicht nur eine Ausweitung der Schau – Werke wurden hinzugefügt –, sondern auch eine Öffnung der Erzählstruktur. So standen am Anfang nicht Bilder, sondern Stimmen, und noch bevor man den ersten Ausstellungsraum betreten hatte, lud ein Symposium an der TU Wien dazu ein zuzuhören: Pionierinnen, Ingenieurinnen, Theoretikerinnen und Künstlerinnen – aktive Erzählerinnen ihrer eigenen Geschichte. Thematisiert wurde die Rolle von Frauen in der Computerkunst und Informatik seit den 1960er-Jahren. Keynotes und Vorträge beleuchteten historische Entwicklungen, technologische Herausforderungen und künstlerische Arbeiten an der Schnittstelle von Kunst und Künstlicher Intelligenz. Den Abschluss bildete eine Podiumsdiskussion mit internationalen Teilnehmerinnen.
Ina Wagner, Physikerin und erste von außerhalb berufene Professorin an der TU Wien, zeigte in ihrem Vortrag auf, wie feministische und queere Perspektiven zur Demokratisierung und Humanisierung von Technologie beitragen können. Im Zentrum steht dabei die Anerkennung von Menschen als vielschichtige, nicht-binäre Subjekte. Diese Komplexität erfordere eine inklusive, verantwortungsbewusste Gestaltung technischer Infrastrukturen, so Wagner, die betonte, wie technologische Systeme bestehende Ungleichheiten wie gendered racism – die Verschränkung von rassistischer und sexistischer Diskriminierung – verstärken können. Wagners Zentralbegriff „Care“ verweist auf ein kontextsensibles Technikverständnis, das ethische Verantwortung, soziale Gerechtigkeit und Fürsorge miteinander verbindet.
Demgegenüber sprachen Anne-Mie Van Kerckhoven, Nadia Magnenat-Thalmann und Tamiko Thiel über ihren künstlerischen Ansatz. Während es bei Kerckhoven um Geschlecht, Sexualität und Fetischisierung aus einer kritisch-feministischen Perspektive geht, erkundet Magnenat-Thalmann die unendlichen Möglichkeiten einer virtuellen Matrix. Indessen erzählte Tamiko Thiel von Begebenheiten, die ihre Karriere prägten, etwa die verpasste Chance, mit Steve Jobs zusammenzuarbeiten, wiewohl sie die ikonische Connection Machine – einen Supercomputer für visuelles und paralleles Denken – entworfen hatte. Das Ganze scheiterte, weil die Infrastruktur für einen schnellen, direkten Kontakt schlichtweg nicht existierte – kein E-Mail, keine DM etc. Die Ironie, dass jemand, der später virtuelle Realitäten gestalten sollte, aufgrund analoger Beschränkungen im wirklichen Leben scheiterte, schien sinnbildlich dafür, wie die Präsenz so vieler Frauen verdrängt wurde – nicht abwesend, aber schlichtweg unsichtbar oder Gelegenheit verpasst.
In der Ausstellung sind über 50 Künstlerinnen mit über 100 Werken auf drei Etagen vertreten. Gleich zu Beginn begegnet man einer Zeitleiste, die einen weiten Bogen spannt: von der frühesten Erwähnung des Begriffs „Computer“ – einst eine Tätigkeit, die häufig von Frauen ausgeübt wurde – bis hin zum Aufkommen des öffentlich zugänglichen Internets Anfang der 1990er-Jahre. Entlang dieser Linie tauchen Persönlichkeiten wie Ada Lovelace, die Rechnerinnen der NACA (National Advisory Committee for Aeronautics) oder die Programmiererinnen des ENIAC (Electronic Numerical Integrator and Computer) auf. Der Fokus liegt dabei auf Künstlerinnen, die mit digitalen Medien arbeiteten – ihre Geschichten werden bewusst parallel zu jenen von Frauen erzählt, die im Schatten militärischer Forschung tätig waren. In einer Zeit, in der Technologie primär auch als Mittel geopolitischer Macht diente, wird die Rolle der Frauen vielstimmig erzählt: zwischen Gestaltungskraft und Komplizinnenschaft.
Gegliedert ist die Schau in fünf thematische Bereiche, die grob chronologisch angeordnet sind. Zeros and Ones bestückt die gesamte erste Etage und präsentiert frühe Computerexperimente in Wandarbeiten und kinetischen Skulpturen, die den Beginn des künstlerischen Umgangs mit der Rechenmaschine markieren. Danach verweist der Bereich Software auf die historischen Verbindungen zwischen Computern und Textiltechnologien, prägte doch die binäre Logik der Jacquard-Webmaschine, die mithilfe von Lochkarten Muster webte, auch entscheidend die Entwicklung früher Computerprogramme. Arbeiten in diesem Teil reflektieren die Verbindungen zwischen Faden und Code, Muster und Programm. Besonders Charlotte Johannesson, eine ausgebildete Weberin, übertrug das Prinzip der Webtechnik auf frühe Computertechnologie. Ihre Werke machen sichtbar, wie sich Software nie ganz vom Körper, vom Handwerk und von der physischen Materialität löst, wie die Arbeit Take me to Another World (1981–85) veranschaulicht.
Ein weiteres Kapitel widmet sich der zunehmenden Verfügbarkeit von Computern im privaten Raum, sprich dem Home Computing. In diesem Kontext entstanden ab dem 1980er-Jahren zahlreiche screenbasierte Arbeiten, die mit neuen Verfahren experimentierten und individuelle Aneignungen der Technologie sichtbar machten. Diese neuen Formen der Teilhabe stellten durchaus ein demokratisierendes Moment dar: Plötzlich konnten viele unabhängig von institutionellen Strukturen eigene Videos, Erfahrungen und Ideen teilen.
Exemplarisch dafür steht Barbara Hammers Videoarbeit No No Nooky TV (1987), in der sie eine technologische Sprache aus queerer, feministischer Perspektive entwirft. Bereits in den frühen Tagen des Internets nutzte Hammer das Web als demokratisches Werkzeug, um lesbische Lebensrealitäten und feministische Kritik in die Öffentlichkeit zu bringen – lange bevor soziale Medien solche Räume ermöglichten. Ihre Arbeit steht für eine Phase, in der das Digitale als utopischer Möglichkeitsraum gedacht wurde: als Ort für alternative Formen von Wissen, Identität und Körperlichkeit.
Den Abschluss schließlich bildet I’d Rather Be a Robot Than a Goddess, ein Bereich, der – inspiriert von Donna Haraways Cyborg Manifesto – die Beziehung zwischen Technologie und weiblichem Körper thematisiert. Gezeigt werden darin Fotomontagen, algorithmische Choreografien und künstlerische Auseinandersetzungen mit dem maschinell gewordenen Selbst, wie zum Beispiel Lynn Hershman Leeson anhand von X-Ray Woman (1966) zeigt.
Insgesamt bietet Radical Software eindrucksvolle Einblicke in eine wenig bekannte Geschichte des Computing. Doch während sie den Anspruch erhebt, diese umfassend darzustellen, bleibt sie geografisch auffällig begrenzt: Namen aus dem Globalen Süden oder indigene Vertreter*innen sucht man vergeblich.1 Wiewohl zahlreiche kreative Möglichkeiten der virtuellen Matrix aufgezeigt werden, bleibt ein Gefühl der Skepsis zurück, zumal zwischen den digitalen Hoffnungen der 1960er- bis 1990er-Jahre und den heutigen Realitäten eine klare Dissonanz spürbar wird. Die Ausstellung stellt so auch grundlegende Fragen an sich selbst: Wann ist das emanzipatorische Potenzial digitaler Technologien ins Wanken geraten – und wo sind wir vielleicht falsch abgebogen? Außerdem: Wen erreicht die Schau überhaupt? Findet sie Gehör bei jenen, die sich in digitalen Manosphären bewegen, oder bleibt sie ein Resonanzraum für ein ohnehin bereits queerfeministisch sensibilisiertes Publikum?

Radical Software: Woman, Art & Computing, Kunsthalle Wien, 28. Februar 2025 bis 25. Mai 2025.

 

 

[1] So vertrat beispielsweise Marilou Schultz auf der documenta 14 den Navajo-Stamm mit gewebten Microchips.