Heft 3/2025 - WANDALA–postkoloniale Aushandlungen


Andrei Siclodi 1972–2025

Ingeborg Erhart und Bettina Siegele


„Wie können wir in Zeiten gesellschaftlicher Verdunkelung mit der nicht einmal mehr schleichend, stetig fortschreitenden Des-Integration von Sozialkompetenz des vormaligen ‚Westens‘ umgehen? Wie der emotionalen Abstumpfung und Verrohung entgegentreten, die sich in den (a)sozialen Medien scheinbar unaufhaltsam breitmacht? Was können wir dem brutalen Imperialismus entgegensetzen, der sich in den USA die Legitimität eines scheinbar demokratisch erwünschten Rückfalls in die Barbarei von Kolonialismus, White Supremacy, Ableismus und genderbasierter Diskriminierung eingeholt hat und nun an unterschiedlichen Ecken dieser Welt zu expandieren trachtet? Wie können wir zu einem positiv konnotierten Zustand, einem Hoffnung bringenden Ausweg aus dieser scheinbar hoffnungslosen Lage gelangen? Wie zurück auf den Weg zu mehr Gerechtigkeit und einem guten Leben für alle?“

So leitet Andrei Siclodi den Text zur Abschlussausstellung des Büchsenhausen Fellowship-Programms für Kunst und Theorie 2025 im Kunstpavillon in Innsbruck ein.1 Es sollte seine letzte Ausstellung sein, am 18. August 2025 ist er nach kurzer Krankheit verstorben.
Das Intro seines letzten kuratorischen Textes zeigt deutlich seine kritisch-emanzipatorische Haltung auf, die immer auch Kunst, künstlerisch-wissenschaftliches Handeln und Formen des kollaborativen Sorgetragens, wenn nicht als Lösungen, dann zumindest, um aufzudecken und Problemstellungen zu artikulieren, vorschlug. 1972 in Bukarest geboren und seit seinem 18. Lebensjahr in Tirol wohnhaft, studierte er Kunstgeschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und war Kurator, Autor, Redakteur und Kulturarbeiter, der sich in seiner theoretischen Forschung auf Formen der Wissensproduktion in der Kunst konzentrierte. Seine Dissertation an der Akademie der bildenden Künste mit dem Arbeitstitel Kritisch-emanzipatorische Kunstpraktiken und -institutionen im Wissenskapitalismus, in die viele Erkenntnisse aus seiner jahrelangen künstlerisch-wissenschaftlichen Praxis eingeflossen sind, steht kurz vor dem Abschluss. Er konnte sie nicht mehr vollenden. Seit 2002 war er für die Künstler*innen Vereinigung Tirol tätig und gründete das im Künstler*innenhaus Büchsenhausen angesiedelte Fellowship-Programm für Kunst und Theorie, dessen Leiter er bis zuletzt war.
In den mehr als 20 Jahren als Direktor des Künstler*innenhauses Büchsenhausen hat er die Künstler*innen Vereinigung Tirol maßgeblich mitgestaltet und nachhaltig geprägt. Er machte Büchsenhausen zu einem Ort von internationaler Strahlkraft, an dem Künstler*innen, Theoretiker*innen und Kurator*innen überregionale Kunst- und Gesellschaftsdiskurse in einem lokalen Kontext reflektieren und weiterentwickeln können. Seit 2003 nahmen mehr als 100 internationale Künstler*innen, Kurator*innen und Theoretiker*innen am Fellowship-Programm teil und machten Büchsenhausen zu einem einzigartigen Ort der Wissensproduktion und -vermittlung. Ein Teil dieser Wissensvermittlung fand ihren Ausdruck in der von Andrei Siclodi herausgegebenen Reihe Büchs’n’Books – Art and Knowledge Production in Context, die Publikationen ehemaliger Büchsenhausen-Fellows sowie thematische Sammelbände zur zeitgenössischen Wissensproduktion versammelt. So zum Beispiel: Andrei Siclodi (Hg.), Private Investigations – Paths of Critical Knowledge Production in Contemporary Art (2011)2, Roger M. Bruegel/Andrei Siclodi, Franz Kapfer – Für Gott, Kaiser und Vaterland (2011) oder das Büchsenhausen Lexikon (2014) sowie Büchsenhausen Lexikon II (voraussichtliche Veröffentlichung: 2026).
Er kuratierte zudem Ausstellungen im In- und Ausland, unter anderem: Gareth Kennedy, Die Unbequeme Wissenschaft im Tiroler Volkskunstmuseum (Innsbruck, 2016) oder Marianna Christofides, Days in Between im MNAC (Bukarest, 2019).
Andrei Siclodis Verbindung zu Rumänien, seine internationale Erfahrung und seine fundierten Kenntnisse der rumänischen Kunstszene spiegelten sich auch in seiner Rolle als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des MNAC – dem Rumänischen Nationalmuseum für Zeitgenössische Kunst in Bukarest, dem er 2015 beitrat – und seiner Teilnahme am Auswahlkomitee für den rumänischen Pavillon auf der Biennale in Venedig 2022 wider. Außerdem war er 2020, 2022 und 2024 Mitglied der MNAC-Jury für Kunstankäufe, die Teil eines für die rumänische Gegenwartskunstszene bahnbrechenden Verfahrens der letzten Jahrzehnte war.
Die kuratorische und (kunst-)wissenschaftliche Praxis von Andrei Siclodi war geprägt von kritischer Reflexion und dem Mut, sich für das einzusetzen, was er für richtig hielt. Seit einigen Jahren engagierte er sich für einen transparenten Umgang mit der NS-Vergangenheit und Geschichte im westösterreichischen Kontext und initiierte unter anderem die Veranstaltungsreihe Erinnerungskultur aufarbeiten? Perspektiven auf aktuelle Tendenzen im Umgang mit NS-Vergangenheit in Kunst und Kultur in Tirol und darüber hinaus. Seit Beginn des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine wurde das Künstler*innenhaus Büchsenhausen dank ihm im Rahmen der österreichweiten Initiative Office Ukraine, in deren Steuerungsgruppe er auch bis zuletzt Mitglied war, zu einer Anlaufstelle für ukrainische Künstler*innen und Kulturschaffende.

Andrei Siclodi war ein Teamplayer und engagierter Kulturarbeiter, der sich für die freie Szene in Tirol einsetzte. Als Gründungsmitglied der battlegroup for art, Mitglied der Plattform Innsbruck Contemporary und des Kulturbeirats für Architektur und Bildende Kunst des Landes Tirol setzte er wichtige Impulse zur Stärkung der zeitgenössischen Kunst und Kultur in Tirol. Als Gründungsleiter des Künstler*innenhauses Büchsenhausen prägte er die Künstler*innen Vereinigung Tirol nachhaltig und war seinen Kolleg*innen stets ein geschätzter Kollege und lieber Freund. In diesem Sinn wird auch das Fellowship-Programm für Kunst und Theorie im Künstler*innenhaus Büchsenhausen weitergeführt werden.
Andrei, wir vermissen Dich, obwohl uns das Ausmaß des Verlusts noch gar nicht begreiflich ist. Zu unfassbar ist es, dass Du nicht mehr unter uns bist.
So traurig.

 

 

[1] Tellurian Skies. Casting Acts of Solidarity, Liberation and Desire in Times of Collapse, mit Ren Loren Britton, Kris Dittel, Felix Kalmenson, muSa mattiuzzi, kuratiert von Andrei Siclodi, Kunstpavillon der Künstler*innen Vereinigung Tirol, Innsbruck, 13. Juni 2025 bis 6. September 2025.
[2] Mit Beiträgen von Alfredo Cramerotti, Judith Fischer, Geoffrey Garrison, Alison Gerber, Ana Hoffner, Brigitta Kuster, Ralo Mayer, Andrei Siclodi und Alexander Vaindorf sowie Gesprächen zwischen Laura Horelli und Geoffrey Garrison, Nina Möntmann und Alexander Vaindorf, Ralo Mayer und Andrei Siclodi.