Heft 3/2025 - Netzteil


Ein „urbanes Wikileaks“?

Stadt, Technologie und Ökologie von unten

Magdalena Taube und Krystian Woznicki


Wenn wir an dieser Stelle über die Zukunft der Stadt reden, dann soll dies anhand des Konzepts der „Grassroots Smart City“ erfolgen, die über die „grünen“ Ansätze einer „Smart City“, die Stadtentwicklung in die Hände selbsternannter „Clean Tech“-Unternehmen aus dem Big-Tech-Bereich legt, hinausgeht. Dieser Vorstellung zufolge wird die Stadt „teilweise von Grund auf neu geschaffen, durch eine Vielzahl von Interventionen und kleinen Veränderungen“ (Sassen 2011). Sassen imaginiert eine Art „urbanes Wikileaks, [bei dem] vertikale Institutionen damit beginnen, Informationen offenzulegen, und es den Bürger*innen ermöglichen, zumindest einen Teil dieser Informationen so zu nutzen, wie sie es für richtig halten.“
Eine solche Alternative zur Big-Tech-„Smart City“ erkennt die Tatsache an, dass wir in einer Welt leben, in der „Technologie und Natur“ eng miteinander verwoben sind, und schlägt einen Graswurzelansatz zur Anpassung an die katastrophalen Folgen des Klimawandels vor. Dazu gehört nicht zuletzt die Vorstellung, dass wir die ökologischen Krisen unserer Zeit durch den Einsatz technologischer Systeme zur Frühwarnung und Optimierung der Ressourceneffizienz bewältigen können. Diese sollen von der Stadtbevölkerung kontinuierlich mit Umweltdaten gefüttert und als offene Systeme von ebendieser Bevölkerung ständig weiterentwickelt werden. So soll ein ökologisch nachhaltiger urbaner Metabolismus von unten entstehen. Der Kontrast zum Geschäftsmodell der „Smart City“, bei dem die zur Partizipation aufgerufenen Stadtbewohner*innen instrumentalisiert werden, um Daten zu liefern, die von Big-Tech-Unternehmen gewinnbringend verwertet werden können, scheint offensichtlich. Dennoch: Was im Kosmos der Graswurzelutopien eng mit der von Commons-Theoretiker*innen propagierten „Open Source City“ (Bauwens 2013) verwandt ist, kann sich kaum der Kritik entziehen. Macht sich die „Grassroots Smart City“ nicht mit dem Neoliberalismus gemein, etwa durch die Förderung unbezahlter Arbeit und die Vernachlässigung sozialer Konflikte zugunsten technologischer Rationalisierung? Kommt Letzteres nicht auch dem technologischen „Solutionismus“ des grünen Kapitalismus entgegen und trägt zur Verschleierung der Machtverhältnisse innerhalb des urbanen Proprietarismus bei? Wird hier nicht trotz Sassens programmatischer Forderung, „alle unsere computergestützten Systeme sollten transparent sein“, die Frage der übergreifenden Dateninfrastruktur unzureichend behandelt oder gar ausgeblendet?
Die Problematik der Dateninfrastruktur – der sogenannten Cloud – beginnt mit der Verlegung von Unterwasserglasfaserkabeln für Hochgeschwindigkeitsdatenverbindungen zwischen Kontinenten, dem Bau von Rechenzentren, der Wartung von Serverfarmen usw. Strategisch versteckt, sorgt diese Infrastruktur fast unmerklich für die ständige Konnektivität von mehr als fünf Milliarden Onlinenutzer*innen weltweit. Die buchstäbliche 24/7-Nutzung dieser Infrastruktur – das Teilen und Verarbeiten von Umweltdaten, die Nutzung von Suchmaschinen und KI-basierten Diensten, das Posten von Bildern, das Ansehen von Clips und Serien etc. – verbraucht Unmengen natürlicher Ressourcen und fördert damit den Extraktivismus und verschlimmert die Umweltverschmutzung (Hu 2015). Die sozial-ökologischen Schäden werden jedoch von den führenden Anbietern von Cloud-Infrastrukturen (Amazon, Microsoft und Google) und ihrer „Clean Tech“-Lobby ausgeblendet oder schlicht geleugnet – ganz im Sinne des mystifizierenden Begriffs Cloud, die im grünen Kapitalismus als etwas Schwebendes, Gasförmiges und letztlich Sauberes verkauft wird; etwas vollkommen Natürliches ohne giftige, vom Menschen verursachte Nebenwirkungen auf die Umwelt (Crawford 2021). Während wir uns diesen Illusionen hingeben, führt die zunehmende Wärme der Cloud-Serverfarmen zu höheren Temperaturen, die durch die zunehmende Internetnutzung verursacht werden. Gleichzeitig belastet dies die Cloud-Infrastruktur und erfordert zusätzliche energieintensive Wartung und Kühlung.
Kurz: Die Cloud ist der unsichtbare Elefant im Raum. Wenn wir sie sichtbar machen, etwa indem wir sie – wie eben skizzenhaft versucht – beschreiben, machen wir auch das Problem sichtbar, das viele von uns nicht wahrhaben wollen: So kooperativ, gemeinschaftlich und solidarisch die „Grassroots Smart City“ auch konzipiert sein mag, solange wir die zugrunde liegende Dateninfrastruktur nicht vergesellschaften, so lange bleiben auch die Machtverhältnisse, die der „Grassroots Smart City“ zugrunde liegen, weitgehend bestehen. Mehr noch: Die private oder staatlich kontrollierte Dateninfrastruktur als Grundlage des informationsbasierten Kapitalismus perpetuiert die bestehenden Probleme im Globalen Süden (Nord-Süd-Gefälle, Ressourcen- und Energiekolonialität, Klimaungerechtigkeit etc.) und verschärft die Gewalt an den Grenzen Europas. Von der Bearbeitung von Asylanträgen über die Verteilung von Krankenhausbetten und die Versorgung mit Lebensmitteln bis hin zum Grenzmanagement – auf der Basis von Daten, die in proprietären Dateninfrastrukturen gesammelt, sortiert und ausgewertet werden, werden alle denkbaren Prozesse sozialer Kontrolle durch (teilweise autonome) Algorithmen unterstützt, die in der Regel intransparent und damit weitgehend immun gegen die Anfechtung struktureller Diskriminierung bleiben. Demgegenüber lässt die kritische Forschung kaum Zweifel daran, dass die überproportionale Diskriminierung von Entrechteten, Ausgebeuteten, Ausgeschlossenen, Enteigneten und Entmenschlichten durch Automatisierungsmechanismen immer größere Ausmaße annimmt – eine Entwicklung, die in der Klimakrise qua „Vertreibung“ (Sassen 2014) weiter zunimmt, indem zum Beispiel immer mehr Menschen der Zugang zu den verbliebenen Infrastrukturen des Lebens einschließlich der überlebensnotwendigen Grundversorgung verwehrt wird.
So wichtig die Vergesellschaftung privatisierter Dateninfrastrukturen in diesem Zusammenhang wäre (wie von uns bereits 2012 vorgeschlagen), so unmöglich erscheint diese, solange die mächtigsten Konzerne das Sagen haben. Angesichts dieser Schieflage scheint es wichtiger, aber auch herausfordernder denn je, ein kollektives politisches Bewusstsein zu entwickeln, das die zunehmende Schwierigkeit, die „Infrastruktur des Lebens“ (Bhattacharyya 2024) zu reproduzieren, als systemisches Problem begreift.
Die Frage bleibt, ob und wie dies durch informelle demokratische Prozesse in der Stadt erreicht werden kann. Und wie solche Prozesse die kapitalistische Urbanisierung von innen und ihren Rändern her neu kodieren können. So oder so gilt es dabei, antikapitalistische mit ökofeministischen Ansätzen zu verbinden, um die Entwicklung der dringend benötigten sorgenden Städte zu ermöglichen. Die beinhaltet, (1) die Infrastruktur des Lebens aus den Händen des Kapitals zurückzuerobern, einschließlich kollektiver öffentlicher Systeme wie öffentlicher Nahverkehr, Gesundheitsversorgung, Wohnraum, digitale sowie ‚nicht-virtuelle‘ urbane Räume für die private und kollektive Kommunikation; (2) die Ruinen, die das Kapital hinterlassen hat, für postkapitalistische und ökofeministische Zwecke zu appropriieren (etwa durch die Umwandlung leer stehender und bankrotter Einkaufszentren in Sorgezentren); und (3) diesen Prozess als Grundlage neuer Formen des sozialen Zusammenlebens und der Politik zu begreifen, ja, einer städtischen Politik von unten, die gleichzeitig ein Gefühl der Verwandtschaft mit mehr-als-menschlichem Leben entwickelt und so einen wirklich nachhaltigen städtischen Stoffwechsel vorantreibt.

Literatur
Bauwens, Michel, Die Open-Source-Stadt: Lasst uns das Prinzip ‚Gemeingut‘ auf die Stadtplanung übertragen!, Berliner Gazette, 6. Juni 2013; https://berlinergazette.de/de/open-source-stadt-gemeingut-stadtplanung.
Bhattacharyya, Gargi, The Futures of Racial Capitalism. Polity Press 2024.
Crawford, Kate, Atlas of AI. Power, Politics, and the Planetary Costs of Artificial Intelligence. Yale University Press 2021.
Hu, Tung-Hui, A Prehistory of the Cloud. MIT Press 2015.
Sassen, Saskia, Open Source Urbanism, in: Domus, 29. Juni 2011: https://domusweb.it/en/op-ed/2011/06/29/open-source-urbanism.html.
Sassen, Saskia, Expulsions. Brutality and Complexity in the Global Economy. Harvard University Press 2014.
Taube, Magdalena/Woznicki, Krystian, Big Data in Our Hands. Re-Claiming the Oil of the 21st Century, Berliner Gazette, Oktober 2012; https://projekte.berlinergazette.de/big-data-in-our-hands.