Heft 3/2025 - Netzteil


Gespaltenes Weltbild

In seinen recherchebasierten Filmen und Installationen befasst sich Felix Lenz mit den paradoxen Entwicklungen im fortschreitenden Anthropozän

Christa Benzer


Sobald der Kipppunkt erreicht ist, ertönt ein schriller, anhaltender Ton. Ausgelöst wird der Alarm durch eine ADS-B-Antenne, die den Flugverkehr in der Umgebung anzeigt. Auf einem Display sind zunächst noch einzelne Flüge erkennbar; bald jedoch lässt sich das immer dichter werdende Linienknäuel nicht mehr entwirren, und irgendwann ist die Schwelle erreicht, bei der ein Mechanismus eine extrem laute Sirene auslöst.
Dass in Bezug auf die zu erwartenden Kipppunkte im Klimasystem Nichtstun keine Option ist, sondern individuelles Handeln mindestens genauso dringlich geboten ist wie politische Verantwortung und staatliche Maßnahmen, legt die Installation Political Atmosphere von Felix Lenz auf ohrenbetäubende Weise nahe. Sie ist 2020 unter dem Eindruck des Syrien-Kriegs und der Covid-Krise entstanden und greift eine These des britischen Meteorologen und Friedensforschers Lewis Fry Richardson auf, der bereits vor 100 Jahren von einer Korrelation von Klima, Krieg und Flugturbulenzen ausging.
Lenz knüpft an seine These an und hat im Rahmen seines Projekts Studien recherchiert, nach denen der Anstieg der globalen Temperatur tatsächlich mit soziopolitischen Phänomenen korreliert: darunter der Weltklimabericht (2007), nach dem „ein moderater Anstieg der durchschnittlichen Jahrestemperatur (zum Beispiel um 1,1 °C) allein in den Vereinigten Staaten zu 25.000 zusätzlichen schweren und tödlichen Übergriffen pro Jahr führen könnte“ und auch die seit 2010 intensivierten Untersuchungen zur Zunahme von „Clear-Air-Turbulenzen“ im Flugverkehr gehören dazu. Sie treten immer dann auf, wenn Luftströme mit verschiedenen Geschwindigkeiten aufeinandertreffen, wobei das CO2 in der Atmosphäre deren Instabilität befeuert. Betroffen sind davon auch die Jetstreams, die nachweislich an Kraft verlieren, sich verlangsamen und dadurch Extremwetterereignisse auslösen – Überschwemmungen oder jahrelang anhaltende Dürren, wie sie in Syrien in den Jahren 2006 bis 2011 dem Bürgerkrieg vorausgingen. Die verheerenden Folgen für die syrische Bevölkerung sind bekannt, während die Profiteur*innen und Hauptverursacher*innen nur von Flugturbulenzen betroffen sind.
Dass die Erderwärmung bestehende Ungleichheiten verstärkt, ist aufgrund vieler solcher Beispiele auch Thema der diesjährigen Hauptausstellung der Triennale Milano. Im Zentrum des von Felix Lenz für die Ausstellung Inequalities gestalteten österreichischen Beitrags Soft Image, Brittle Grounds, den die MAK-Kuratorin Marlies Wirth verantwortet, steht dessen jüngster Film Brute Force.
Der gemeinsam mit Ganaël Dumreicher (Co-Regie und Sound) über drei Jahr lang produzierte Film beginnt mit Aufnahmen einer Kameradrohne, die über ein abstraktes Gemälde zu fliegen scheint. Eine mit hellen Schlieren durchzogene grüne Fläche wird durch einen grauen Streifen von einer schmierigen, unwirklich scheinenden, rostroten Fläche getrennt. Wir befinden uns über dem Great Salt Lake in Utah, der völlig auszutrocknen droht. Dann Schnitt, nächstes Bild: ein Forschungsreaktor in Grenoble, der in einem mehrere Meter tiefen, nach oben offenen Wasserbecken platziert ist. Er ist in der Lage, einen Neutronenfluss für Experimente mit quantenmechanischen Phänomenen zu erzeugen.
Lenz rückt diese mächtigen Technologien des „Knowledge Mining“ genauso ins Bild wie die durch den Silizium- und Quarzabbau ruinierten Landschaften, die komplexen Sensoren seiner Kameralinse, für die Silizium benötigt wird, oder die gewaltigen Infrastrukturen der Datenextraktion mit ihren undurchsichtigen Fassaden und glänzenden Oberflächen. Die Kamera folgt ihren Architekturen, die neben der Erderwärmung auch die Wasserknappheit forcieren, weil durch die monumentalen Kühlanlagen der Hyperscale-Rechenzentren am Tag zwischen elf und 19 Millionen Liter Wasser fließen.
Ein allwissendes Voice-over, gesprochen von der Dichter*in Day Eve Komet, führt die technologie- und repräsentationskritischen Fäden zusammen – basierend auf Interviews mit der Quantenphysikerin und feministischen Wissenschaftstheoretikerin Karen Barad, dem Geologen Diego P. Fernandez und dem Künstler Vladan Joler: „I mean, yes, we’ve all seen it before. By looking, thinking and acting with and through the eyes of our instruments, these images have become dull, soft and flat“, hört man, während man sieht, wie anstelle der abgebildeten Landschaft ein Abbild derselben in Flammen aufgeht.
Dahinter klafft ein riesiges Loch im Boden. Die Erde hat die „brachiale Gewalt“ archiviert, mit der über Jahrhunderte Menschen und Tiere vertrieben, ehemals fruchtbare Landschaften umgewälzt und in Ödland verwandelt wurden: Darauf verweist die den Film ergänzende Drei-Kanal-Videoinstallation Valley of the Heart’s Delight: Ein Roboterarm filmt ein Gemisch aus Sand, Erde und zermahlenen Muscheln, das von den Ureinwohner*innen der San Francisco Bay Area, den Ohlone, über Jahrhunderte abgelagert wurde. Noch vor 100 Jahren galt die Gegend um die „Heiligen Shellmounds“ aufgrund der fruchtbaren Böden als „Valley of the Heart’s Delight“, heute ist dort das Zentrum der Hightech-Industrie, die die Produktion aufgrund selbstverursachter, immer akuter werdender Umweltprobleme mittlerweile nach Asien verlagert hat.
Dass die Menschen nun dort erkranken, hat Felix Lenz bereits 2022 in seiner Arbeit The Cleanroom Paradox thematisiert: Im Zentrum steht ein Interview mit einer südkoreanischen Arbeiterin, die zehn Jahre lang in der Halbleiterproduktion von Samsung gearbeitet hat und an Krebs leidet. Auf der Warschauer Biennale 2022 wurde das Video hinter dicken, gelben Plastikplanen präsentiert, die in diesen sogenannten „Cleanrooms“ der Fabriken die sensiblen Halbleiter vor der Verunreinigung durch die Arbeiter*innen schützen. Von den gesundheitlichen Folgen dieser paradoxen, menschenverachtenden Verkehrung von Schutzmaßnahmen berichten in dem Video auch ein Exingenieur, inzwischen Mitglied einer südkoreanischen NGO für Arbeiter*innenschutz, und ein US-Epidemiologe, der in einer Studie die Häufigkeit von Krebserkrankungen bei IBM nachgewiesen hat. In einem Prozess gegen den Konzern waren die Kläger*innen chancenlos, und selbst die Veröffentlichung der Studie wurde letztlich verhindert, da er sie im Rahmen des nicht-öffentlichen Prozesses erstellt hatte.
Lenz führt die krankmachende Produktion vor Augen, indem er den Prozess invertiert: Dafür wurden mehrere Mobiltelefone in einer chemischen Flüssigkeit aufgelöst, bis eine braune, zäh-klebrige Masse entstand. „Knowledge is no accumulation of data, it is a material practice“, heißt es in Brute Force, und der Satz klingt nach, wenn man sieht, wie die verflüssigte Elektroschrottmasse chemisch neutralisiert werden muss, um sie überhaupt weiterverwenden zu können.
Die Bilder dieser giftigen Arbeit sorgen ähnlich wie die Sirene oder die Bilder der weiten lebensfeindlichen Salzlandschaften für emotionales Unbehagen – und der Künstler will ein intuitiveres Gespür für den Boden vermitteln, seine Projekte eröffnen aber auch Handlungsoptionen: die interdisziplinäre Zusammenführung von chemischem mit künstlerischem oder von indigenem mit westlich-philosophischem Wissen, eine non-binäre, kritische Perspektive auf eine potenziell vielfältigere Welt sowie Solidarität mit den am stärksten Betroffenen – etwa im Bereich des Arbeiter*innenschutzes.
Mithilfe von Siebdruckexpert*innen wurde aus der verflüssigten Elektroschrottmasse ein Porträt der südkoreanischen Arbeiterin gefertigt. Auch wenn sich das Papier aufgrund des ätzenden Materials langsam zersetzen wird, bleibt es vervielfältigbar und macht Hoffnung auf eine Zukunft, in der vielleicht eine gemeinsame, nicht-weiße Ikone den Kampf für mehr Klimagerechtigkeit repräsentiert.

Inequalities, Internationale Ausstellung, Triennale di Milano, Mailand, 13. März bis 9. November 2025.