Heft 3/2025 - Lektüre
Planetarische Zeitgenossenschaft sei, so die These von Cornelia Sollfrank und Felix Stalder in ihrem neuen Buch, durch eine Polytemporalität gekennzeichnet, eine Gleichzeitigkeit verschiedener Zeiten und ihrer Akteur*innen, die „mehr Rauschen als Harmonie“ hervorbrächten. Diese These untermauern sie durch ihre eigenen Forschungen – anhand von Beispielen, die diese neuen Zeitskalen ästhetisch erfahrbar machen und deren verdatete wie verkörperte Situationen in den Vordergrund rücken.
Ihr in der Reihe The Contemporary Condition erschienenes, angenehm dünnes Buch Contemporaneity in Embodied Data Practices knüpft an die Leitfrage der Serie nach den Merkmalen planetarischer Zeitgenossenschaft in Kunst und Gesellschaft an. Gemäß den Reihenherausgebern Geoff Cox und Jacob Lund besteht die Besonderheit der gegenwärtigen Bedingung in ihrer „zeitlichen Komplexität“. Diese ergebe sich „aus dem Zusammentreffen heterogener kultureller Cluster im selben kulturellen Raum, die entlang unterschiedlicher historischer Verläufe, über verschiedene Maßstäbe hinweg und an unterschiedlichen Orten entstanden sind“. Sollfrank und Stalder erweitern diese Definition durch den Blick auf die Simultaneität verschiedener Zeiten und der mehr-als-menschlichen Prozesse in der Ambiguität von Datafizierung und Sensibilisierung durch ubiquitäre Sensortechnologien. Ihre Methode: das Gespräch.
Das Buch strukturiert sich in vier Kapitel, „LIVED TIME, HISTORICAL TIME, EVOLUTIONARY TIME“ und „DATA TIME“, gerahmt durch die einführende „DEPARTURE“ und das abschließende „COMING TOGETHER“ mit dem Appendix „SHARE YOUR AIR – SHARE YOUR IULLUSION: Breathing Data“, dem Transkript einer Performance von Cornelia Sollfrank und der Künstler*innengruppe #purplenoise.
Die Einteilung in die vier Zeitraster, die zunächst nur wenig theoretisch fundiert erscheinen, sei, wie eingeschränkt wird, weniger definitorisch als vielmehr aus den Bedürfnissen der eigenen Projekte abgeleitet. Zugleich werden auch Überschneidungen betont: Lived time, die gelebte Zeit, beinhaltet sowohl die verkörperte singuläre Erfahrung als auch die Erfahrung, Teil eines sozialen Kollektivs und größerer Umwelten zu sein. Historical time ist die anthropozentrisch gedachte Zeit der Menschen und ihrer nicht-menschlichen Gefährt*innen im Gegensatz zur evolutionären Zeit der Naturgeschichte. Eine übergreifende Stellung kommt der Datenzeit zu: Infolge ihres synthetischen Charakters könnten Daten zur Messung und Interpretation für alle Zeiten verwendet werden.
Sollfrank und Stalder diskutieren anhand ihrer unterschiedlichen Projekte über Dinge von gemeinsamem Belang. In Breathing Data macht sich Cornelia Sollfrank selbst zum Untersuchungsobjekt: Sie beschäftigt sich theoretisch wie praktisch mit dem kontrollierten Atmen, insbesondere mit Atemtechniken aus dem Yoga und deren Auswirkungen auf ihren Körper. Demgegenüber verfolgen Felix Stalder und Gordan Savičić in Animal Data das EU-Wiederansiedlungsprojekt des seit 400 Jahren in Mitteleuropa ausgestorbenen Waldrapps. In beiden Projekten spielen Daten wie auch die Verkörperung und Sensibilisierung durch Sensortechnologie eine zentrale Rolle: Während Sollfrank ihre Körperfunktionen vor und nach dem Yoga mittels eines Sensorrings misst und durch Tagebuchnotizen kontextualisiert, werden die Waldrappe vom Max-Planck-Institut mittels GPS getrackt. Und während Sollfrank ihre künstlerische Forschung in Form von Workshops, Performances und Interventionen vermittelt, erstellen Stalder und Savičić mithilfe von Vladan Joler eine Karte, die die involvierten Zeiten, Institutionen, Ökonomien, Technologien etc. visualisiert.
Beide verstehen ihr forschendes Gestalten als ästhetische Strategie, die, entgegen dem dominanten Kontrolldispositiv, einen anderen, sorgenden und verkörperlichenden Umgang mit Technologien vorstellt. Im Waldrapp-Projekt liegt die Sorge um den Vogel mittels innovativer Technologien bereits in der wissenschaftlichen Anlage: Die von Menschen aufgezogenen und getrackten Zugvögel können von Bürger*innen mittels App verfolgt werden. Flugzeuge weisen ihnen die Migrationsroute oder Autotransporte bringen sie über die Alpen, weil die Vögel infolge der Klimaerhitzung zu spät in den Süden aufgebrochen sind. Zusätzlich stellt sich die Frage, ob der Waldrapp überhaupt jemals ein „einheimischer“ Vogel in Mitteleuropa war oder ob man nun eine zuvor gebietsfremde Tierart hier ansiedelt. Derlei Fragen bringen die Komplexität des Zeitgenössischen bzw. das Ethische von Zeitgenossenschaft auf den Punkt: Nicht nur erweist sich die technowissenschaftlich-empathische Wiederansiedlung einer vor Jahrhunderten von Menschen ausgelöschten Tierart als gebrochen, vielmehr aktualisiert die Ontologie des Zugvogels vor dem Hintergrund der Klimaerhitzung das grundsätzlich Migrantische und Eigentumslose aller Lebeweisen: Wenn ein Ort lebensfeindlich wird, zieht man weiter – oder stirbt aus. Ähnliche Fragen, konkret zur Migration und Dekolonialisierung von Yoga, beschäftigen auch Sollfrank.
Durch die sich gegenseitige befragende Gesprächsführung bemühen sich die Autor*innen, durch ihre Differenzen hindurch Anschlüsse und Parallelen zu finden. Das scheint nicht immer einfach – manchmal unterbrechen und korrigieren sie einander; oder sie stoßen auf ungewohnte „Verbindungen“ (die normalerweise keine sind). Das ist inspirierend, mitunter ist ihr assoziatives und sprunghaftes Denken aber auch anstrengend. Wobei genau dieser suchende Modus überzeugt, weil er den Umgang mit der Unvereinbarkeit und der „Contemporary Condition“ als Selbstversuch inszeniert: Sie bleiben in Beziehung, auch wenn etwas nicht passt, auseinanderdriftet oder offen bleibt.