„In all seinen Formen macht uns der Cyber-Libertarismus blind für die rechtsextreme Politik, die er befördert.“ So lautet das Fazit – und gleichzeitig das Vermächtnis –, das der US-amerikanische Autor David Golumbia am Ende seines gleichnamigen Buches der Welt hinterlässt. Golumbia, 2023 im Alter von nur 60 Jahren verstorben, war zuvor nicht müde geworden, die politischen Schattenseiten der Digitalisierung, und hier vor allem des besagten Techno-Libertarismus, zu erkunden. Nicht in Schnellschüssen oder leicht von der Hand gehenden Polemiken gegen Elon Musk, Peter Thiel und Konsorten, sondern in profunden kultur- und wirtschaftsgeschichtlichen Studien, die in diesem beachtlich dichten Buch kulminieren, das Golumbia kurz vor seinem Tod noch abschließen konnte. Zusammen mit seinen früheren Werken The Cultural Logic f Computation (2009) und The Politics of Bitcoin (2016) bildet es eine nicht genug zu würdigende Kritikreihe, sofern sich der laufenden Machtausweitung des „Rechts-Digitalismus“ überhaupt noch etwas entgegensetzen lässt.
Eine der wichtigsten Einsichten – an denen es in Cyberlibertarianism in Summe nicht mangelt – besagt, dass sich die gleichnamige Strömung durch eine besonders perfide Form der Selbstimmunisierung auszeichnet: An der rhetorischen Oberfläche auf Freiheitsrechte, Empowerment und ja, Demokratisierung pochend, befördert das cyberlibertäre Denken auf seiner dunklen Kehrseite das genaue Gegenteil von all dem – bis hin zur oftmals verklausulierten Unterstützung dezidiert rechtsextremer Politik. Golumbia sieht im Cyber-Libertarismus weniger eine kohärente, zielgerichtet in die Welt gesetzte Ideologie als vielmehr ein über die Jahrzehnte zusammengebrautes, uneinheitliches Dogma, dessen massive, nicht müde werdende Fürsprache aus den Reihen diversester „Digerati“ es noch wirkmächtiger macht, zumal es sich aufgrund dieser Breite kaum noch in geordnete Schranken weisen lässt. Zu diesen Zuarbeiter*innen zählen nicht nur die bekannten Silicon-Valley-Akteure und deren finanzstarke Rückendecker (Thiel, Marc Andreessen, Ben Horowitz, Balaji Srinivasan etc.), sondern – was zunächst überraschen mag – auch die Riege sogenannter Cypherpunks und – weniger verblüffend – ihr wirtschaftlicher Flügel, die Anarchokapitalist*innen. Dass Golumbia in diese unselige Genealogie neben kanonischen Autor*innen wie Langdon Winner und John Perry Barlow auch Galionsfiguren eines vermeintlich machtkritischen Befreiungsdenkens wie Julian Assange und Edward Snowden aufnimmt, mag auf Anhieb bestürzen; nach eingehender Analyse ihres vielfach verborgenen Tuns und Geschreibes (wie Golumbia sie minuziös vornimmt) lässt sich aber auch bei ihnen eine fatale Drift in Richtung rechter bis rechtsextremer Machtumtriebe nicht von der Hand weisen.
Und überhaupt – Staat und Demokratie: Diese beiden Hauptangriffsziele der Cyberlibertären stehen in ihren vielen verstreuten und damit nur schwer zu überblickenden Invektiven immer wieder zur Disposition. Golumbia hat das zerklüftete Terrain dieser Attacken, mitsamt ihrer ideengeschichtlichen Unterfütterung im klassischen Liberalismus à la Hayek und von Mises, umfassend zu sichten versucht. Der Befund ist vernichtend, ja sollte vor allem auch jenen, die sich so wie viele Cyberlibertäre für ein „freies und offenes Internet“ starkmachen, zu denken geben. Verbirgt sich doch hinter der unverfänglich scheinenden Freiheits- und Offenheitspropaganda vielfach nichts anderes als das urliberale Prinzip der uneingeschränkten (wirtschaftlichen) Selbstermächtigung, dessen Tragweite von Open-Source-Verfechter*innen nur selten klar genug erkannt wird. Und so offenbart sich auch das Beharren auf „permissionless innovation“, wie es oft genug von der jungen Start-up-Generation im Namen einer „disruptiven“ Wirtschaft bzw. Technologie verfolgt wird, als genau das, was es in Wirklichkeit ist: das Abstreifen und Überwinden staatlicher, ja gemeinschaftlicher Regulation, die gleichfalls zu den Hauptfeinden aller Libertären zählt.
Lauert hinter all dem der Faschismus, oder ist er gar schon da? Im letzten Teil des Buches mit dem Titel „Cyberfascism“ widmet sich Golumbia dieser Frage – und kompiliert reichlich Evidenz, dass zwischen Anarchokapitalismus und Rechtsextremismus allerlei rutschige Abhänge existieren. Auch hier holt der Autor weit aus, bis hin zu dem libertären Klassiker >The Sovereign Individual aus den 1990er-Jahren, und fördert mithin Erstaunliches zutage. Zum Teil sind Golumbias Belege für eine zunehmend cyberfaschistische Tendenz schon etwas in die Jahre gekommen, etwa wenn er Sadie Plants und Nick Lands Text „Cyberpositive“ aus dem Jahr 1994 als protofaschistische, apokalyptische Vision herausstreicht, oder wenn er die kuriose Geschichte rund um die selbst-erfüllende KI-Prophezeiung namens Rokos Basilisk aus 2010 nochmals Revue passieren lässt. Aber der Teufel schläft bekanntlich nicht, sondern lacht sich vermutlich gerade in Gestalt des Neonazis Andrew Auernheimer oder, noch schlimmer, Curtis Yarvin – beide laut Golumbia besonders „ansteckende“ Exempel – ins antistaatliche, antidemokratische, antigemeinschaftliche Fäustchen.
Dass der cyberlibertäre Geist nicht mehr in die Flasche des Gemeinwohls zurückzukriegen ist, scheint klar (auch nicht durch Abschaffung und Verbot seiner schlimmsten technologischen Auswüchse, wie Golumbia am Ende kursorisch vorschlägt). Aber dass sein Kippen auf eine eindeutig faschistische Schlagseite doch noch verhindert werden kann, dafür liefert das Buch vielerlei wertvolle, hoffentlich auch den Weg in die Praxis findende Anhaltspunkte.