Heft 3/2025 - Lektüre
Bei der Inauguration Donald Trumps Anfang des Jahres wurde sie für die ganze Welt offenbar, diese Metamorphose einer Sozialfigur, die aus den, so will es wenigstens das Stereotyp, allzeit schrulligen Computernerds die charismatischen Tech Bros hervorgehen ließ; eine Entpuppung, die die einst Randständigen, die ihre eigene Gesellschaft bevorzugten, in sendungsbewusste Insider verwandelte, mit Zugang zu den engsten Machtzirkeln. Diese politische Anbiederung hat dabei handfeste wirtschaftliche Gründe, verfolgt man im Silicon Valley doch schon länger das Geschäftsmodell, diversen Behörden seine technischen Dienste anzutragen (man denke hier nur an die Liaison zwischen SpaceX und NASA). Und das, wo die Tech Bros aus ihrer Verachtung für den klassischen Staat durchaus kein Hehl machen, jenen Staat, der sie bloß in die Steuerpflicht nehmen oder durch seine überbordenden Regularien in ihrem Innovationsdrang hemmen will. Darum auch ihre Versuche, sich durch die Gründung von Privatstädten (aktuell: „California Forever“ nahe San Francisco) und Netzwerkstaaten dem ärarischen wie bürokratischen Zugriff zu entziehen und ihren postdemokratischen Machtfantasien freien Lauf zu lassen; deshalb aber auch ihre langfristigen Bemühungen, eine AGI (Artificial General Intelligence) zu entwickeln, um damit dem Transhumanismus den Boden zu bereiten und die daraus erwachsenden Mensch-Maschine-Hybride schließlich den Mars kolonisieren zu lassen. Im Verständnis der Tech Bros sehen sich nämlich Erde wie Mensch unausweichlich der Obsoleszenz ausgesetzt, das eine scheint ohnehin dem Untergang geweiht, und das andere verlangt dringend nach einem Update.
Laut Achille Mbembe hat diese gemeinhin als westlich rubrizierte Denkungsart – die hier aber eine paradoxale Form annimmt, wenn man die durch die Technik bewirkten Schäden ausgerechnet wieder durch (avancierte) Technik wettmachen will – ihre historischen Wurzeln in den im Europa des 16. Jahrhunderts aufkeimenden empirischen Wissenschaften, die das theoretische Fundament dafür legten, sich aus den Zwängen der Natur zu befreien. Dazu musste ebendiese in einem ersten Schritt – der im Grunde einer Selbstermächtigung gleichkommt – als roh und unbeseelt, das heißt als gottlos erwiesen werden, um sie als Nächstes mittels mathematischer Verfahren in Repräsentationsmodellen oder Zeichensystemen aufgehen zu lassen, die zweierlei erlaubten: einerseits von den realen Dingen abzusehen (wodurch man dann auch den konkreten Bezug zu ihnen verlor), und andererseits eine um alles Individuelle bereinigte, objektive Welt zu konstruieren, an der sich Skalierungen vornehmen ließen, die den eigentlich menschlichen Erfahrungsbereich weit überschreiten.
Die solcherart angestoßene Entwicklung leistete allerdings der menschlichen Hybris Vorschub und führte bekanntlich das Anthropozän herauf, also jene Epoche, in der der Wille, die Grenzen der Erkenntnis zu erweitern, nur noch von der Rücksichtslosigkeit übertroffen wird, jene Erkenntnisse technisch obendrein in einem Maße zur Anwendung zu bringen, dass damit bisher für unumstößlich gehaltene planetare Grenzen niedergerissen werden (Klimawandel, Artensterben etc.). Und in ebendiesen Anthropozän-Diskurs reiht sich nahtlos auch die vorliegende Publikation ein, wenn hier der Erdkörper etwa nachgerade als malträtiert vorgestellt wird: im Grunde sowieso schon der Verbrennung nahe, dazu (von Monokulturen) ausgezehrt, kahlgeschlagen, leergefischt und – wir befinden uns Mbembe zufolge nämlich streng genommen im Anthropo-Technozän – von unzähligen Kabelsträngen eingeschnürt. Diese vielen Furchen vermögen darüber hinaus aber auch noch zu versinnbilden, wie unser Planet mit der Zeit zoniert und parzelliert wurde, kurz: dass seine auf Aufteilung und Aneignung beruhende Ausbeutung großteils im Privatinteresse betrieben wird.
Einem solchen terrestrischen Ausverkaufs- und letztlich Abwrackmodell möchte Mbembe nun mit der Idee der Reparatur beikommen, wofür er sich auf altehrwürdige afrikanische Mythen und Metaphysiken besinnt, in denen die Menschheit nicht als Eigentümerin und Herrin figuriert, sondern ihr von der gastfreundlichen Erde bloß ein Bleiberecht eingeräumt wird; ein Aufenthaltsrecht, an das jedoch keinerlei Bedingungen geknüpft sind und das folglich von allen in Anspruch genommen werden kann, woraus dann eben auch die titelgebende terrestrische Gemeinschaft erwachsen soll, die keine Hierarchie zwischen den (menschlichen, tierischen, pflanzlichen, mineralischen) Wesenheiten kennt. Das Verhältnis des Menschen zum Rest des Lebendigen gründet hier damit nicht, wie im Westen, auf dem Hunger nach Eroberung, sondern auf dem Prinzip, den „ursprünglichen Lebensatem“ zu teilen. Dieser kurative Afrozentrismus krankt aber leider nicht nur an einer gewissen Verblasenheit, sondern übergeht auch seine animistischen und holistischen Vorläufer im Westen. Man erinnere hier etwa die Gaia-Hypothese eines James Lovelock oder den ungefähr zur gleichen Zeit, also Anfang der 1970er-Jahre, weithin zirkulierenden Whole Earth Catalog eines Stewart Brand. Und mit dieser „Bibel einer ganzen Generation“ (Steve Jobs) schließt sich dann auch wieder der Kreis, lässt sich an ihr doch nachdrücklich veranschaulichen, wie sich, bedingt durch die geografische Nähe, die nicht zuletzt in San Francisco beheimatete Gegenkultur der 1960er-Jahre unauslöschlich der aufkeimenden Cyberkultur des Silicon Valley einprägte. Denn der Whole Earth Catalog wollte seinen Leser*innen, unter Förderung ihres Umweltbewusstseins, im Wesentlichen demonstrieren, dass alles mit allem zusammenhängt, um ihnen einen Platz im Netzwerk des Lebens anzuweisen, unter anderem, indem er ihnen auch die allerersten Personal Computer annoncierte.