Mit welchen Traditionen sind Sie groß geworden?
Ich bin im Norden des Senegal aufgewachsen, genauer in Richard Toll, einer Stadt, die stark von der Landwirtschaft geprägt ist. Während der Kolonialzeit wurde diese Region als Versuchslabor benutzt, um Experimente mit neuen Kulturpflanzen zu machen, die man im Land anbauen wollte. So wurde beispielsweise Reis, der ursprünglich nicht zu unserer traditionellen Ernährung gehörte, nach und nach zu einem Grundnahrungsmittel. In der Folge verschwanden dann aber einheimische Sorten wie Hirse, Sorghum oder Knollenfrüchte allmählich von unseren Tellern. Seit den 1970er-Jahren steht auch die größte Fabrik des Landes, die Zuckerfabrik Compagnie Sucrière Sénégalaise, in Richard Toll, was die Stadt und ihre wirtschaftliche Struktur tiefgreifend veränderte.
Wo entdecken Sie überall das Vermächtnis des Kolonialismus?
Das koloniale Erbe zeigt sich sehr deutlich in der Architektur und in unserer Art, den Raum zu nutzen. In Städten wie Saint-Louis, Dakar und Rufisque, drei historisch gewachsenen Gemeinden, findet man typisch europäische Bauten, die von Architekt*innen aus Europa ausgeführt wurden und nicht unserer traditionellen Lebensweise entsprechen. Diese für uns unangemessene Art des Lebens führte zu einer tiefgreifenden Veränderung der sozialen Strukturen, der Vorstellungen vom familialen Zusammenleben und vom Wohnen. Das Modell des Miteinanders in einer Gemeinschaft zerfiel so und machte einem europäischen Normen nachempfundenen Individualismus Platz. Wenn man sich die „Pénc“ der Lébou in Dakar ansieht,1 dann kann man eine an die Gemeinschaft angepasste Architektur beobachten, in der die Räume sorgfältig aufgeteilt sind und in der Mitte des Hofes ein Baum steht, der ein Symbol für den Versammlungsort darstellt. Unter diesem „Palaverbaum“ wurden wichtige gesellschaftliche Fragen diskutiert und von den Alten konkrete Lösungen vorgeschlagen.
Welche stereotypen Afrikabilder begegnen Ihnen noch heute?
Afrika wird oft als ein Kontinent dargestellt, der seiner Lebenskraft und Energie beraubt und daher dazu verdammt ist, auf der Weltbühne nur eine Nebenrolle zu spielen. Im Bereich der Kunst drückte sich diese Marginalisierung lange Zeit in einer mangelnden Anerkennung afrikanischer Kunstschaffender auf internationaler Ebene aus. Afrikanische Kunst wurde auf ihre ältesten Ausdrucksformen, seien es die Masken oder sei es die Spiritualität, reduziert, doch ihr rezenter Reichtum und ihre Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden, wurden nicht berücksichtigt.
Wie lassen sich andere Narrative schaffen?
Neben der Zeichnung, Malerei und Performance nimmt das Schreiben einen immer wichtigeren Platz in meiner künstlerischen Arbeit ein. Wenn es mir nicht gelingt, bestimmte Emotionen mit bildnerischen Mitteln zu fassen, dann wird das Schreiben für mich zu einer ganz wesentlichen, fast heilsamen Ausdrucksform. Es ermöglicht mir, weiter Bedeutung zu produzieren und in einen Dialog mit der Welt zu treten.
Wie gehen Sie an die Wandala-Ausstellung heran?
Ich betrachte diese Ausstellung als eine großartige Gelegenheit, mich mit anderen afrikanischen Kunstschaffenden zu verständigen. Besonders anregend finde ich die Tatsache, dass wir alle sehr unterschiedliche Hintergründe, und das auch unter einem kulturellen Gesichtspunkt, aufweisen, selbst wenn Afrika unsere gemeinsame Basis darstellt. Diese Vielfalt schafft einen unschätzbaren Reichtum und macht den Austausch untereinander noch fruchtbarer.
Was hoffen Sie mit Ihrer künstlerischen Arbeit zu erreichen?
Mit meiner Arbeit möchte ich gesellschaftspolitische Anliegen aufs Tapet bringen und das Publikum zum Nachdenken anregen. Als Kunstschaffende können wir zwar nicht unbedingt Antworten auf alles geben, aber immerhin doch Fragen aufwerfen, Debatten anstoßen und eine Bewusstwerdung in Gang setzen. Ich sehe mich nicht als jemanden, der andere mit erhobenem Zeigefinger belehrt – ich gebe lediglich weiter, was ich tief in mir empfinde.
Der Körper spielt in Ihrem Werk generell eine große Rolle. Was genau möchten Sie mit ihm zum Ausdruck bringen?
Ich glaube, dass der Körper unser ursprünglichstes Ausdrucksmittel darstellt. Jedes mit einem Körper versehene Wesen drückt sich damit aus – bewusst oder unbewusst. In diesem Sinne könnte man sogar sagen, dass jeder Mensch ein Kunstschaffender ist. Der Körper vermittelt etwas über die Identität, den Charakter und die Art und Weise, wie man einen bestimmten Raum einnimmt. Dies begründet auch, weshalb der Tanz in allen afrikanischen Traditionen ein wesentliches Element bildet, denn er begleitet die verschiedenen Etappen des Lebens: religiöse Zeremonien, Taufen, Beschneidungen, Beerdigungen, Hochzeiten usw. In meinen Performances gehe ich immer von meinem Körper aus – dabei bin ich oft statisch und teilweise sogar nackt. Dadurch entsteht eine interessante Spannung zwischen dem Körper und dem Raum, eine Form von Präsenz, mit der ich Fragen aufwerfen kann.
Übersetzt von Isolde Schmitt
[1] „Pénc“ bezeichnet in Wolof, einer Sprache aus der westatlantischen Sprachfamilie, die vorwiegend im Senegal Verwendung findet, zuerst den „Palaverbaum“ und im weiteren Sinne dann auch den zentralen Platz einer Nachbarschaft, eines Dorfes oder einer Stadt.