Heft 3/2025 - WANDALA–postkoloniale Aushandlungen


Namafu Amutse


Afrika ist ein weites Land. Wie würden Sie Ihr Afrika beschreiben?
Afrika ist ein weitläufiger, unglaublich vielfältiger Kontinent – reich an Kulturen, Sprachen, Geschichte(n) und Kreativität. Jedes Land, jede Region und auch jede Gemeinschaft hat ihre eigene Identität, ihre eigenen Traditionen und Ausdrucksformen. Und trotz dieser Unterschiede herrscht ein tiefes Gefühl, auf eine ganz grundlegende und erdende Art und Weise miteinander verbunden zu sein – im Sinne eines gemeinsamen Rhythmus, einer gemeinsamen Resilienz. Mein Afrika ist nicht eindimensional; es ist innovativ, mutig, lebendig und entwickelt sich ständig weiter. Es ist kreativ, unverwüstlich und voller Verheißungen. Mein Afrika lässt sich nicht in eine einzige Erzählung pressen – es ist eine unermessliche Konstellation aus sich überschneidenden Geschichten, Erfahrungen und Träumen.

Mit welchen Traditionen sind Sie groß geworden?
Ich bin mit Traditionen aufgewachsen, in denen Respekt sehr wichtig war – sowohl für andere als auch für einen selbst. Es wurde viel Wert auf Integrität, Bescheidenheit und Gemeinschaftlichkeit gelegt. Man brachte mir bei, zu meinen Überzeugungen zu stehen und stets für das einzutreten, was ich für richtig halte. Ich habe auch gelernt, dass man keinen Weg wirklich alleine beschreitet – wohin man auch geht, die Gemeinschaft begleitet einen dabei immer, und man sollte jede Möglichkeit nutzen, andere aufzubauen und zu unterstützen. Wir leben nach dem Motto „Es braucht ein Dorf“, denn auch wenn man alleine vielleicht schneller vorankommt, gelangt man gemeinsam doch weiter und bewegt sich zielsicherer.

Was hat Sie dazu motiviert, Kunst zu machen? Und wie sahen Ihre Anfänge aus?
Kunst war für mich schon immer eine Rettungsleine – eine Möglichkeit durchzuatmen, die Welt zu begreifen und meinen Platz darin zu finden. Zur Fotografie hat es mich vor allem deshalb gezogen, weil sie mir erlaubte, die Geschichten in mir und um mich herum zu dokumentieren und zu reflektieren. Am Anfang machte ich Porträtaufnahmen, die sich thematisch oft mit Dingen wie Identität, Kultur und Afrofuturismus beschäftigten. Mit der Zeit wurde das, was eher instinktiv begann, aber zu einer tief empfundenen künstlerischen Praxis und schließlich zu meiner Sprache – meiner Art, einen Beitrag zur Welt zu leisten und mit ihr in einen sinnvollen Dialog zu treten.

Wo entdecken Sie überall das Vermächtnis des Kolonialismus?
Das koloniale Erbe ist noch immer sehr präsent – es findet sich in vielen unserer Institutionen und Alltagsrealitäten. In Namibia erkenne ich es in der Architektur aus der Kolonialzeit, in der Organisation und den Inhalten unseres Bildungssystems und auch in der subtilen Art und Weise, wie wir manchmal unsere eigenen Geschichten und unsere eigenen Stimmen infrage stellen oder geringschätzen. Es zeigt sich aber auch im Schweigen – in den Geschichten, die nie erzählt oder bewusst zum Verschwinden gebracht wurden. Gleichzeitig gibt es einen mächtigen Widerstand gegen dieses Erbe. Wir fordern unsere Räume zurück, lauschen unseren eigenen Erzählungen und stellen wieder her, was unterbrochen wurde.

Welche stereotypen Afrikabilder begegnen Ihnen noch heute?
Afrika wird immer noch viel zu oft aus einer überholten, sehr eng gefassten Perspektive betrachtet und häufig in Extremen dargestellt – entweder als Ort, der von Armut, Krieg und Leid geprägt ist, oder als exotische Landschaft, ideal für Safaris und Sonnenuntergänge. Diese Charakterisierungen leugnen jedoch die Komplexität unserer Realitäten und ignorieren die Tiefe, Dynamik und Erfindungsgabe, die unseren Lebensalltag kennzeichnen. Sie blenden häufig die Freude, Kreativität und vorwärtsgewandte Tatkraft aus, die unsere Gemeinschaften antreiben. Deshalb sind differenzierte, vielschichtige Darstellungen so wichtig – sie schaffen Raum für Authentizität.

Wie lassen sich andere Narrative schaffen?
Ich versuche in meiner Arbeit, den Reichtum des südafrikanischen Erbes mit einer futuristischen Ästhetik zu verbinden. So kann ich visuell vermitteln, dass wir nicht nur an die Vergangenheit gebunden sind – wir gehören ebenso der Gegenwart und Zukunft an. Ich möchte Bilder schaffen, die nicht nur faszinieren, sondern auch heilen – Bilder, die eingeschliffene Wahrnehmungen hinterfragen und dazu auffordern, sich selbst neu zu denken. Ich versuche also nicht unbedingt etwas daran zu ändern, wie andere uns sehen, sondern vielmehr daran, wie wir selbst uns sehen – um über den künstlerischen Ausdruck unsere Stärke und Komplexität zurückzugewinnen.

Wie gehen Sie an die Wandala-Ausstellung heran?
Es ist mir eine sehr große Ehre, Teil des Wandala-Projekts zu sein. Es ist, als würde ich mich in eine fortlaufende, grenzenlose Unterhaltung einschalten – eine, die über die Geografie hinausreicht und Menschen durch gemeinsame Absichten vereint. Ich freue mich darauf zuzuhören, mich mitzuteilen und in Gespräche einzubringen, die ebenso herausfordernd wie transformativ sind. Mehr als alles andere hoffe ich aber, dazu beitragen zu können, dass etwas wirklich Bedeutungsvolles entsteht – etwas, das meine individuelle Stimme transzendiert und Teil einer kollektiven Reise des Entdeckens, des Ausdrucks und der Rückgewinnung wird.

Was hoffen Sie mit Ihrer künstlerischen Arbeit zu erreichen?
Ich hoffe, dass meine Arbeit zu einem Raum wird, in dem die Menschen innehalten, nachdenken und fühlen können. Ich möchte, dass sie Momente der Neugier, Selbstbetrachtung und Verbundenheit schafft. Wenn jemand meine Arbeiten betrachtet und sich wirklich gesehen fühlt – wenn sie etwas in den Menschen auslösen oder sie ermutigen, sich selbst anders zu sehen –, dann habe ich das Gefühl, tatsächlich etwas Sinnvolles getan zu haben. Letztendlich möchte ich mit meiner Kunst zu einer breiteren Diskussion über Identität, Zugehörigkeit und Veränderung beitragen.

Der Körper spielt in Ihrem Werk generell eine große Rolle. Was genau möchten Sie mit ihm zum Ausdruck bringen?
In meiner Arbeit ist der Körper mehr als nur eine physische Form – er ist ein Gefäß für Erinnerungen, Geschichte und Gefühle. Ich setze den Körper als Mittel ein, um Raum zurückzuerobern, Präsenz zu zeigen und mich gegen aufgezwungene Narrative zu wehren. Über den Körper erkunde ich Themen wie Resilienz, Schönheit und Sichtbarkeit. Selbst wenn wir versuchen, bestimmte Teile von uns selbst zum Schweigen zu bringen oder auszulöschen, behält der Körper seine Sprache – er offenbart, erinnert und widersteht. Für mich ist er ein mächtiges Archiv gelebter Erfahrungen.

Was, hoffen Sie, wird von Wandala bleiben?
Das, was Wandala ausmacht, wird hoffentlich noch lange nach dem Abbau der Ausstellung nachklingen. Ich hoffe, dass die in diesem Raum ausgetauschten Ideen, Geschichten und Energien einen bleibenden Eindruck hinterlassen – einen, der zu weiteren Reflexionen, Kreationen und Konversationen anregt. Ich glaube, dass, auch wenn der physische Raum sich dann geleert haben wird, der Geist der Kunst sowie der Beziehungen, die sie gestiftet hat, weitergetragen und den Weg für zukünftige Ausdrucksformen und Initiativen bereiten wird.

 

Übersetzt von Anja Schulte