Heft 3/2025 - Netzteil


Offene Enden

Waldemar Cordeiros „digitale Kunst“ und ihr Nachleben

Yannick Nepomuk Fritz


Heute scheint „digitale Kunst“ omnipräsent, Künstliche Intelligenz überzieht das Netz mit Bildern und Texten. Zur Zeit von Waldemar Cordeiro (1924–73) bedurfte es noch Genealogien, die das „elektronische Gehirn“ – damals primär Metapher für den Computer – als legitimes Mittel in der Kunst stabilisierten.1 Und so ist es ein weiter Bogen, den die Schau Waldemar Cordeiro. Konstellationen. Von Konkreter Kunst zur Computerkunst im Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe spannen will. In den Worten ihres Protagonisten, der als erster Computerkünstler Südamerikas gilt, scheint er allerdings nur folgerichtig: „Meiner Ansicht nach ist das gesamte Bestreben der Avantgarde durch eine ‚Digitalisierung‘ der künstlerischen Sprache gekennzeichnet. Der Unterschied zwischen der Avantgarde der ersten industriellen Revolution und der heutigen ist ein technologischer Unterschied, kein methodischer. Beide zielen darauf ab, das Werk in Zahlen zu übersetzen“2, schrieb Cordeiro 1968. Diese Übersetzungen zeigen sich bei ihm in diversen Medien: in Ölfarbe, Holz, Metall, computergenerierten Drucken, landschaftsarchitektonischen Arbeiten. Die Schau flankiert die Werke mit archivarischen Fotografien, Briefen und Ausstellungskatalogen. Notwendigerweise produziert eine solche Retrospektive ihre eigene Kunstgeschichte immer auch mit, insbesondere, da Cordeiro selbst als Kritiker so entschieden an ihr mitschrieb. Konstellationen präsentiert dabei die Konkrete Kunst nicht nur als Vorläuferin der Computerkunst – beide bildet Cordeiro in seinem Œuvre ab –, sie wirft auch Fragen zur möglichen Extrapolation dieser genealogischen Linie in die Gegenwart und zur KI-Kunst auf.

Intelligente Prinzipien
Für Cordeiro zeichnen sich Entwicklungen einer „Maschinensprache“3 schon in den Avantgardebewegungen des Neoplastizismus, Konstruktivismus und Suprematismus ab. Vor seinem Umzug nach Brasilien 1948 war Cordeiro, italienisch-brasilianischer Staatsangehöriger, während des Mussolini-Faschismus im Kanon europäischer Kunstgeschichte ausgebildet worden. Auch vor diesem Hintergrund verfasste er in Brasilien das Manifesto Ruptura; als Teil der gleichnamigen Gruppe wird Cordeiro zu einem der wichtigsten Wegbereiter*innen dortiger Konkreter Kunst. Propagiert werden „klare und intelligente“ Gestaltungsprinzipien, geometrische, einfarbige Formen. Es geht um die Abkehr von einer vergeistigten Nachahmung der Welt und dem Geniekult des Künstler*innensubjekts hin zur Schaffung eigener Bildobjekte und einer Sensibilität gegenüber den materiellen und technischen Aspekten künstlerischen Arbeitens. So wich der von Hand geführte Pinsel zuweilen der industriellen Farbspritzpistole, die Cordeiro auch in seiner Arbeit als Landschaftsgestalter einsetzte. Genauso avantgardistisch, besonders im Neoplastizismus, war das kristalline Zersplittern der Bildfläche in Sequenzen gewesen, wie etwa bei Piet Mondrian. In dieser Tradition malte Cordeiro mit mathematischer Präzision formal strenge, abstrakte Werke. Wo Mondrian sich besonders in seiner Spätphase zunehmend von realweltlichen Referenzen löste, wandte sich Cordeiro immer intensiver der Rolle seiner Kunst in der Welt zu. Das bedeutete zunächst die Aufgabe jener Strenge für organische, geschwungene Pinselstriche und schließlich die ganz direkte Auseinandersetzung mit politischen Dynamiken. In einer Mischung aus Konkreter Kunst und Pop Art (Popcreto) wanderten so Alltagsgegenstände auf den Bildträger; die populäre Dimension war gleichsam politische Kritik wie Öffnung des Werks zu den Rezipient*innen hin und sollte eine Mehrzahl an Bedeutungen und Lesarten ermöglichen. Dies setzte sich auch in seiner Computerkunst fort.

Denken in Systemen
Genauso wie die Konkrete Kunst theoretische Anstöße für die Computerkunst lieferte, lässt sich Letztere als Betrachtungsrahmen auf die heutige KI-Kunst übertragen. Die neuartige maschinengestützte Produktion von Bildern mag zunächst an das Aufkommen der Fotografie erinnern, doch greift eine auf das Endartefakt bezogene Analyse hier zu kurz.4 Sowohl Cordeiros eigene Computerkunst als auch seine Betonung algorithmischer Verfahren bereits in der Konkreten Kunst unterstreichen eine gesteigerte Bedeutung generativer Prozesse gegenüber ihren Produkten. Gemeint ist ein Denken in Systemen, wenn Cordeiro, wie eingangs zitiert, pauschal von technologischen Unterschieden, aber gleichbleibender Methodik spricht.
Zusammen mit dem Physiker Giorgio Moscati schuf Cordeiro 1968 sein erstes computerbasiertes Werk: Beabá generierte aus Buchstaben entsprechend ihrer Häufigkeit im Portugiesischen plausible, aber zufällig synthetisierte Wörter. Die Arbeit ist nicht nur ein frühes Experiment in wahrscheinlichkeitsbasierter Textgenerierung und deren Rezeption durch die Leser*innen, sie zirkulierte auch in einem globalen Netzwerk: In der Ausstellung findet man sie als Ausdruck, den Cordeiro dem japanischen Computerkünstler Hiroshi Kawano per Post sandte.
Während vermittels des Computers die mathematische Abstraktion prominent in Cordeiros Werk zurückkehrte, wandte er sich motivisch vermehrt den Menschen zu. In Gente Grau 1 [Leute Stufe 1] (1972) wird Text zum Bild. Hier wird die Frage aufgegriffen, wie Menschen im Zuge von politischem Autoritarismus und dem Aufkommen der Massenmedien repräsentiert werden. Das Werk ist ein gerastertes Bild einer Menschenansammlung, mittels eines Computerprogramms werden die einzelnen Pixel beim Computerdruck mit Buchstaben unterschiedlicher Flächigkeit gefüllt, wodurch Graustufen entstehen.
Diese „numerische Analyse von Bildern“ sah Cordeiro charakteristisch für seine Gegenwart, das „paleo-kybernetische Zeitalter“. Indem er die eigene Zeitrechnung den Ideen der Kybernetik verschrieb, zeigte Cordeiro nicht nur, dass Kunst Technik nie bloß einseitig integriert, sondern zwangsläufig von ihr mitgeformt wird, darüber hinaus aber auch, dass er größere Veränderungen noch kommen sah. Passend dazu, so Rachel Price, verstand er auch seine Arbeit als Landschaftsarchitekt (man zählt über 150 Projekte) als eine Form von Kommunikation, als Frage von Raum und Transport, physisch wie elektronisch.5 Ein Medienwandel würde demnach auch einen Wandel dieser Räume bedeuten – in Zeiten des Internets, von Uber, Dating-Apps, Ghost Kitchens und ubiquitärer „Smartness“ heute ein Allgemeinplatz. „Agentische“ KI soll mediale Umgebungen schließlich buchstäblich konversationsfähig machen. Auch wenn Cordeiro die Navigation dieser Umgebungen unmöglich vorhersehen konnte, zeigen seine Diagnosen die Kontingenz historischer Projektionen auf Technologie. 1973 schrieb er: „In this stage, machines have acquired superiority, to the extent that the rules of the game favor them over users, who are subject to a wide range of distracting influences.“6 Seine Kunst wie seine Kunstgeschichte unterstreichen dabei ein kritisches Projekt, das sich nicht mit ablenkenden Artefakten, sondern mit den Systemen selbst, den „rules of the game“ befasst.

Waldemar Cordeiro. Konstellationen. Von Konkreter Kunst zur Computerkunst, ZKM Karlsruhe, 5. April bis 6. Juli 2025.

 

 

[1] Margit Rosen, A Technological Difference, Not a Difference of Method – Waldemar Cordeiro and the New Tendencies, in: Analivia Cordeiro (Hg.), Waldemar Cordeiro: Fantasia Exata. Itaú Cultural, 2014, S. 668–673, hier S. 672 (eigene Übersetzung).
[2] Waldemar Cordeiro, zit. n. ebd. (eigene Übersetzung).
[3] Waldemar Cordeiro, Arteônica, in: Cordeiro (Hg.), Fantasia Exata, S. 591–595, hier S. 594 (eigene Übersetzung).
[4] Vgl. dazu auch Fabian Offert, The Past, Present, and Future of AI Art, The Gradient, [18. Juni 2019; https://thegradient.pub/the-past-present-and-future-of-ai-art.
[5] Rachel Price, Early Brazilian Digital Culture; or, The Woman Who Was Not B.B., in: Grey Room 47 (April 2012), S. 60–79, hier S. 65 (eigene Übersetzung).
[6] Waldemar Cordeiro, Art and Technology, in: Cordeiro (Hg.), Fantasia Exata, S. 600–601, hier S. 601.