Heft 3/2025 - WANDALA–postkoloniale Aushandlungen


Olivia Mary Nantongo


Afrika ist ein weites Land. Wie würden Sie Ihr Afrika beschreiben?
Afrika ist ein außergewöhnlicher Kontinent – der zweitgrößte der Welt. Und er zeichnet sich durch eine ungeheure Diversität und atemberaubende Schönheit aus. Wenn ich an Afrika denke, sehe ich einen lebendigen Teppich, gewebt aus unzähligen historischen, kulturellen und natürlichen Fäden.
Afrika ist für mich aber auch ein enorm resilienter und innovativer Ort. Ich nehme den unternehmerischen Geist wahr, von dem die lokalen Märkte ganz erfüllt sind, die Brillanz der afrikanischen Wissenschaftler*innen und Künstler*innen und den starken Gemeinschaftssinn, der seine Menschen auszeichnet. Afrika ist ein Kontinent, der sich konstant verändert – der vorwärtsstrebt und doch tief in seinen Traditionen verwurzelt bleibt.

Mit welchen Traditionen sind Sie groß geworden?
Als Mädchen in Uganda groß zu werden bedeutete je nach ethnischer Zugehörigkeit, Umfeld und familiärem Hintergrund, mit unterschiedlichen Traditionen aufzuwachsen und von ihnen beeinflusst zu werden. Auch wenn sich die Erfahrungen von Mädchen in einer ländlichen von jenen in einer städtischen Umgebung erheblich unterscheiden mögen, wurden doch ganze Generationen von kulturellen Aspekten geprägt, die allen gemeinsam sind.
Ich musste mich schon in jungen Jahren mit Geschlechterrollen und häuslichen Pflichten auseinandersetzen und damit praktische Fähigkeiten entwickeln, die das Fundament vieler ugandischer Haushalte bilden. Genauso wichtig war aber auch der Unterricht in kultureller Etikette und gesellschaftlichen Normen: ein unausgesprochener Code in Bezug auf Respekt und Zugehörigkeit, der die Verständigung innerhalb der Gemeinschaft regelt.
Erst mit der Zeit ist mir aufgegangen, dass diese Traditionen keineswegs unveränderlich sind. Viele junge afrikanische Frauen, mich eingeschlossen, müssen sich in einer komplexen Welt zurechtfinden, in der wir uns zwar bemühen, unser kulturelles Erbe zu wahren, zugleich aber auch die vom modernen Leben gebotenen Chancen wahrnehmen und abträgliche Traditionen hinterfragen wollen.

Was hat Sie dazu motiviert, Kunst zu machen? Und wie sahen Ihre Anfänge aus?
Meine Liebe zur Kunst habe ich mit sieben Jahren entdeckt. Mein älterer Bruder, der einzige andere Künstler in der Familie, war dabei meine erste Inspirationsquelle. Nach seinem Tod verspürte ich das große Bedürfnis, sein Vermächtnis zu ehren, und meine Begeisterung für die Kunst nahm noch zu.
In der höheren Schule hatte ich durchgängig Kunst als Fach, anschließend habe ich an der Universität Kunst studiert und mich dort drei Jahre lang intensiv dem kreativen Schaffen gewidmet. Heute, nach mehr als sieben Jahren engagierter Arbeit, erfüllt es mich mit Stolz, als einzige Künstlerin in der Familie das kreative Vermächtnis meines Bruders hochzuhalten.

Wo entdecken Sie überall das Vermächtnis des Kolonialismus?
In Afrika ist das koloniale Erbe so allgegenwärtig wie komplex. Der Kolonialismus ist ja nicht bloß ein Kapitel in der afrikanischen Geschichte, sondern eine anhaltende Kraft, die den Kontinent nach wie vor prägt. Er hat seinen Niederschlag gefunden in den Landesgrenzen, Wirtschaftsstrukturen, Regierungssystemen und selbst in den gesellschaftlichen und kulturellen Normen.
Auch wenn einige der Meinung sind, dass der Kolonialismus gewisse Vorteile gebracht hat – etwa hinsichtlich der Infrastruktur und medizinischen Versorgung oder der Abschaffung der Sklaverei –, ist die systemische Ausbeutung immer noch eine absolut unbestreitbare Tatsache. Die erzwungene Einführung fremder Systeme hat in den afrikanischen Gesellschaften zu gewaltigen Umbrüchen geführt und für tiefsitzende Probleme gesorgt, die bis heute andauern.

Welche stereotypen Afrikabilder begegnen Ihnen noch heute?
Viele der afrikanischen Stereotype gehen auf überholte Anschauungen, mediale Falschdarstellungen und eine mangelnde Differenzierung zurück. Zu den häufigsten gehören dabei: die immergleiche Geschichte von Armut, Hunger und Krankheit; das Safari- und Wildnisklischee; das Vorurteil von der unterentwickelten und „primitiven“ Kultur und nicht zuletzt die Idee einer monolithischen afrikanischen Identität.
Das sind dann allerdings keine harmlosen Verallgemeinerungen, weil sie nämlich den Stoff liefern für reale Vorurteile und es Afrikaner*innen schwermachen, als Individuen wahrgenommen zu werden, die ein reiches und vielschichtiges Leben führen. Wir müssen uns noch immer viel zu oft gegen diese Sichtweisen wehren und die Welt über die wahre Komplexität unseres Kontinents aufklären.

Wie lassen sich andere Narrative schaffen?
Die Schaffung alternativer Erzählungen über Afrika ist notwendig und ein kontinuierlicher Prozess. Dazu gehört auch, eindimensionale Geschichten über Leid, Elend und Exotismus abzutun und durch vielschichtige, authentische Porträts afrikanischen Lebens zu ersetzen. Mir geht es vor allem darum, afrikanischen Stimmen und Geschichtenerzähler*innen mehr Gehör zu verschaffen, eine differenzierte Sprache zu verwenden und historische Zusammenhänge zu erklären sowie den Fortschritt, die Kreativität und den Alltag Afrikas ans Licht zu bringen.
Solche Geschichten weisen Afrika dann nicht nur als einen Ort des Kampfes, sondern auch der Resilienz, Erneuerung und Freude aus.

Wie gehen Sie an die Wandala-Ausstellung heran?
Die Teilnahme an der Ausstellung markiert für mich als Nachwuchskünstlerin einen wichtigen und emotionalen Meilenstein. Ich verspüre eine Mischung aus Begeisterung und Nervosität – da ist der Nervenkitzel wegen der neuen Chance, die Angst vor der leeren Leinwand und der Druck, möglichst das Beste aus dieser Gelegenheit zu machen.
Diese Erfahrung wird bei mir einen Prozess der Selbsterkenntnis und der professionellen Weiterentwicklung einläuten, aber natürlich auch mit einem schöpferischen Risiko verbunden sein. Meine Gedanken sind eine wilde Mischung aus Hoffnung, Ehrgeiz und Entschlossenheit – allesamt fokussiert auf die gigantische Aufgabe, meine Vision zum Leben zu erwecken.

Was hoffen Sie mit Ihrer künstlerischen Arbeit zu erreichen?
Ich hoffe, mich durch meine Kunst sowohl persönlich als auch professionell weiterzuentwickeln. Ich möchte bedeutungsvolle Beziehungen aufbauen, ein breites Publikum erreichen und mehr Sichtbarkeit erlangen. Auch kommerziell möchte ich übrigens erfolgreich sein – aber das nicht als Selbstzweck, sondern weil es mir einfach erlauben würde, meine künstlerische Praxis fortzusetzen.
Doch am weitaus wichtigsten ist mir, dass meine Arbeit eine emotionale und intellektuelle Wirkung zeitigt; sie soll zum Nachdenken anregen, Annahmen infrage stellen und Momente der Verbundenheit unter den Menschen schaffen.

Der Körper spielt in Ihrem Werk generell eine große Rolle. Was genau möchten Sie mit ihm zum Ausdruck bringen?
Ich verstehe den Körper zugleich als Leinwand und als Kunstwerk. In meiner Arbeit feiere ich die Werte der Akzeptanz, Body Positivity und Selbstliebe. Ich möchte damit Schönheit in Menschen und Dingen aufspüren, die von der Gesellschaft als unvollkommen betrachtet werden, sowie Identitäten ans Licht bringen, die es verdienen, gesehen und wertgeschätzt zu werden.
Letztlich will ich den Menschen zu verstehen geben, dass jeder Körper seine ganz eigene Geschichte schreibt – und dass alle diese Körper vor Kraft und Schönheit strotzen.

Was, hoffen Sie, wird von Wandala bleiben?
Ich wünsche mir dazu dreierlei: dass die Schau den Grundstein für bleibende Kooperationen legt, dass sie zukünftige Ausstellungen inspiriert und dass sie fortdauernde Verbindungen zwischen den Künstler*innen, dem Publikum und unseren gemeinsamen Narrativen schafft.
Für mich bedeutet diese Ausstellung den krönenden Abschluss meiner harten Arbeit – sie gibt mir die Möglichkeit, mich dem Publikum zu stellen, und markiert einen Meilenstein in meiner Karriere als Künstlerin.
Ich würde mir wünschen, dass mir die Ausstellung, neben potenziellen Verkäufen, auch noch Folgendes bringt: neue Bekanntschaften, durch die sich mein kreatives Netzwerk erweitert; Glaubwürdigkeit und Anerkennung; ein neues Gefühl der Sinnhaftigkeit und nicht zuletzt natürlich mehr Sammler*innen und Fans.

 

Übersetzt von Gaby Gehlen