Heft 3/2025 - Artscribe


Bas Jan Ader. I’m searching

11. April 2025 bis 24. August 2025
Hamburger Kunsthalle / Hamburg

Text: Jörn Ebner


Hamburg. Von Bas Jan Ader (1942–75) hörte ich das erste Mal Mitte der 1990er-Jahre an der Kunsthochschule in London. Jaki Irvine und Catherine Yass zeigten im Seminar Schwarz-Weiß-Bilder dieses mit dem Fahrrad in einen Kanal fallenden Mannes mit Tränen in Großaufnahme. Natürlich erwähnten sie dessen Verschwinden im Atlantik und dass darüber spekuliert würde, ob er verunglückt sei oder sich nur der Welt entzogen habe. Anhand von zwei, drei Fotografien öffnete sich ein enormer Kosmos in Bezug auf künstlerische Produktion: Kunstschaffen unter Einsatz des Körpers und körperlicher Gefahren sowie äußerste emotionale Offenbarung; Fragen zur Inszenierung der eigenen Persönlichkeit und zum Gebrauch neuer Medien (Film und Foto).
I’m searching in der Hamburger Kunsthalle, großartig kuratiert von Brigitte Kölle, ist die erste vollständige Retrospektive Bas Jan Aders. Sie umfasst das zeichnerische Frühwerk (1959–65), rekonstruiert zwei Installationen und eine nur als Skizze vorliegende Lichtskulptur, bereitet die performativen Arbeiten (ab 1969) auf und schließt mit dem letzten halb vollendeten Projekt In search of the miraculous (1974–75). Häufig steht die einzelne Figur des Künstlers im Zentrum und kurioserweise hält dessen Verschwinden während seiner Suche nach dem Wunderbaren das Werk zusammen. Der im englischsprachigen Katalog beschriebene Zustand des kleinen Segelboots, in dem es von Fischern im Atlantik gefunden wurde, legt nahe, dass Ader bei einem Unfall über Bord gegangen ist. Dennoch bleibt Raum für Spekulationen, denn auch die Kunstwerke oszillieren zwischen biografischer Deutung und philosophischer Abstraktion.
In seinem Frühwerk konzentriert sich Ader auf zeichnerische Formen, fokussiert oft kontrastierende Linienstärken, selten Flächen oder Farben. Er besucht wechselnde Schulen, ein Austausch in die USA führt zu einem überraschenden Erfolg des gerade 19-Jährigen. Ader kehrt zurück in die Niederlande, flieht aber bald, diesmal nach Kalifornien, wo er ein formales Kunststudium (BA und MFA) abschließt. Die Ausstellung zeigt eine Auswahl an Bildern und filtert Bildmotive, noch verhaftet in der Tradition der ersten 20. Jahrhunderthälfte, die auf die spätere Entwicklung hinweisen (Boot und Fahrrad).
An Bas Jan Ader interessiert mich aber vor allem, was danach kommt. Häufig wird der Begriff des „Scheiterns“ vorgebracht, der jedoch in die falsche Richtung weist: Ader – oder die Figur in seinen Filmen und Fotos – scheitert zu keinem Zeitpunkt, sondern artikuliert die absurde, in die Welt geworfene Existenz zum Tod. Sich vom gezeichneten/gemalten Bild abwendend, inszeniert er ab 1969 seine Arbeiten nur noch mit leicht aufzufindenden Materialien, Lampen oder dem eigenen Körper. Dabei geraten zunächst nur Dinge in Gefahr, später er selbst.
Für die (in der Kunsthalle rekonstruierte) Installation Light vulnerable objects threatened by eight cement bricks (1970) hängt er Zementblöcke über darunterliegende Sachen. Bei der abschließenden Performance durchtrennt er die Seile und verletzt so die Objekte. Für 473 Reader’s Digests digested (1970) kompostiert er genauso viele Hefte der Zeitschrift und für Sawing (1971) durchtrennt er eine Handsäge mit einer Kreissäge. In der Serie Falls (1970–71) fällt er mitsamt Stuhl vom Hausdach in einen Busch; steuert auf einem Fahrrad in Amsterdam in eine Gracht; gleitet, an einem Ast hängend, ab und fällt in ein Gewässer. Im Midnight Fall (1971) hebt er einen schweren Fels so lange, bis dieser seinen Händen entgleitet und am Boden liegende Leuchten auslöscht.
Diese Dualität des abstrakt konzipierten In-Gefahr-Seins und In-Gefahr-Bringens ist flankiert von Werken emotionaler Ausbrüche: schriftlich fixierte Unsicherheitsgefühle an Wänden (Please don’t leave me (1969) und Thoughts unsaid, then forgotten (1973)) und Tränen vor der Kamera (I am too sad to tell you (1970 und 1971)). Die Intensität der Tränen mag durch das Mail-Art-Format (auf Postkarte) und durch die Analogie zu Hollywood in der Filmversion noch ironisch gebrochen scheinen – in der Performance The boy who fell over Niagara Falls (1972) und im unvollendeten Mittelteil von In search of the miraculous (1975) spitzen sich die Themen einer Existenz zum Tod konkret zu. In Ersterer liest er eine tödlich ausgehende Unfallgeschichte aus der Zeitschrift Reader’s Digest vor (Sohn fällt und überlebt, Vater stirbt bei der Rettung), während Ader mit Lampe und Wasserglas an einem Tisch sitzt. In Zweiterer bereitet er seine Reise in einem kleinen Segelboot über den Atlantik vor.
In search of the miraculous ist ein künstlerischer Sonderfall. In drei Teilen konzipiert – eine Wanderung durch die Nacht vor dem Hintergrund des illuminierten Los Angeles; eine allein durchgeführte Reise im Segelboot über den Atlantik; eine Wanderung durch Amsterdam – und mit Anklängen an Popmusik angereichert, endet das Projekt genau in der Mitte. Die Fotoarbeit der Nachtwanderung, mit den Lyrics von I’m Searching der Coasters (1956) überschrieben, vollendet er und stellt sie aus. Die Abreise aus den USA in Richtung UK inszeniert er mit melancholischem, maritimem Chorgesang. Während der Überfahrt geht Ader wahrscheinlich über Bord; seine Dokumentation und Fotoausrüstung gehen verloren; schließlich wird auch noch das Boot gestohlen. Die Amsterdam-Wanderung findet folglich nicht mehr statt. Es bleibt ein halbes Kunstwerk, dessen Titel auch den unbegreiflichen Verlust des Künstlers mit anklingen lässt. Die biografische Konstruktion, die das Kunstwerk quasi herausfordert, ist nicht frei von fantasieanregenden Folgerungen und bleibt offen für die weitere Suche nach dem Wunderbaren.
Durch Aders Verschwinden haftet etwas unaufgelöst Mystisches an dessen oft stark von Licht und Dunkelheit geprägtem Werk. Vielleicht gerade, weil seine Arbeiten die Existenz dieses einen Einzelnen betonen und dabei gleichzeitig ganz allgemein ein enges Geflecht von Kunst und Leben verkörpern.