Heft 3/2025 - Artscribe


Torbjørn Rødland – Songs for the Sun

12. Juli 2025 bis 12. Oktober 2025
Yuz Museum, Panlong Tiandi / Shanghai

Text: Lin Ye


Shanghai. Das Betreten des Ausstellungsraums von Torbjørn Rødlands Einzelausstellung Songs for the Sun im Yuz Museum ist wie das Eintauchen in einen „Strudel von Bedeutungen“. Der Begriff „Strudel von Bedeutungen“ wird verwendet, weil keines seiner Werke durch eine einzige, einheitliche Bedeutung interpretiert werden kann. Verschiedene Menschen oder dieselbe Person zu unterschiedlichen Zeiten oder in unterschiedlichen Gemütszuständen können beim Betrachten dieser fotografischen Werke zu ganz unterschiedlichen Vorstellungen und Interpretationen inspiriert werden.
Wer vom gängigen visuellen Bedeutungssystem konditioniert ist und es sich darin bequem gemacht hat, könnte von Fotos von einem Apfel, der von Würmern angefressen ist, oder von einem Paar schmutziger Füße angewidert sein, sich unwohl fühlen oder die Bilder sogar ablehnen. In diesem „Schlick von Bedeutungen“ fungieren diese Fotos nicht wirklich als einheitliches Darstellungssystem. Betrachter*innen könnten Schwierigkeiten haben, eine klare Bedeutung miteinander zu teilen oder sogar zu verstehen, welche Konzepte, Ideen und Emotionen Torbjørn Rødland vermitteln möchte. Die Existenz dieser Bilder macht die entsprechenden Objekte in der Realität nicht verständlicher, sondern wirft zahlreiche Fragen und Verwirrungen auf. Was genau sehen wir also, wenn wir Rødlands fotografische Arbeiten betrachten?
In seinem Buch Für eine Philosophie der Fotografie beginnt der Philosoph Vilém Flusser mit der Feststellung, dass „Bilder bedeutende Flächen“ sind, und merkt an, dass die Bedeutung der Oberfläche eines Bildes „mit einem flüchtigen Blick erfasst werden kann“, aber ein solches Verständnis immer oberflächlich bleibt. „Will man die Bedeutung vertiefen, das heißt: die abstrahierten zeitlichen und räumlichen Dimensionen rekonstruieren, muss man dem Blick gestatten, tastend über die Oberfläche zu schweifen.“ Mit anderen Worten: Warum betrachten wir fotografische Werke? Um die Bedeutung innerhalb des Bildes zu erfassen und damit die Welt zu verstehen. Wenn wir jedoch ein Foto betrachten und beiläufig darauf hinweisen, „was das ist“, oder sagen, „etwas ist schön, glücklich oder edel“, bleibt unser Verständnis der Bedeutung auf dieser oberflächlichsten Ebene und wir verlieren die Fähigkeit, „die abstrahierten zeitlichen und räumlichen Dimensionen zu rekonstruieren“ und darüber hinaus tiefere, reichhaltigere Bedeutungen zu erfassen. Diese Art des Oberflächendenkens lässt sich leicht in die Funktionsmechanismen der aktuellen politischen Ökonomie integrieren und dient als Mittel zur Disziplinierung und Kontrolle der Menschen.
In dem hochentwickelten Prozess der Bildproduktion, -verbreitung und -wahrnehmung sind wir längst in eine virtuelle Simulakrumwelt aus Bildern hineingezogen worden, zufrieden mit der einfachen, bequemen, aber dennoch höchst verführerischen und provokativen hyperrealen Simulakrumwelt, die durch Bilder konstruiert wird. In der heutigen Welt, in der die Fototechnik jeden Aspekt des täglichen Lebens durchdringt, stellen wir Bilder sogar über normales Verhalten. Von den täglichen Mahlzeiten über Einkäufe und Reisen bis hin zum Familienleben und den Aktivitäten am Arbeitsplatz werden Menschen ständig durch Bilder reproduziert und gleichzeitig neue Bilder erzeugt. Ohne Bilder würde es so aussehen, als hätten solche Handlungen nie stattgefunden. Bilder haben auch unsere Erinnerungen ersetzt; Dinge, die einst bewusst erinnert werden mussten, können nun an Bilder delegiert werden. Mit der Zeit haben wir sogar begonnen, unsere eigenen Erinnerungsfähigkeiten zu verringern. Die Bilder, die von den Machthaber*innen über Massenmedien und soziale Netzwerke in den Alltag übertragen werden, dienen weniger dazu, uns zu helfen, die Welt besser zu verstehen, als vielmehr dazu, die Menschen einem unsichtbaren und dauerhaften Prozess der vollständigen Domestizierung zu unterwerfen.
Die fotografischen Arbeiten von Torbjørn Rødland sind tief in einer nachdenklichen und kritischen Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation verwurzelt. In seinen eigenen Worten: „Um die Grenzen der endlosen Subjektivität zu überwinden, reduzierte die kritische postmoderne Kunst komplexe Phänomene auf eine Untersuchung kultureller Formen und Sprache. Alles wurde politisch. Ausgehend von dieser Analyse nehme ich eine ganzheitlichere oder inklusivere Haltung ein. Ich interessiere mich nicht nur dafür, wie Bilder gelesen werden, sondern auch für ihre Magie und wie sie uns fühlen lassen, wie sie uns bewegen. Auch wenn Fotografie oft als Beobachtung beginnt, ist mein Traum eine immersivere Auseinandersetzung. Ich bin ein Beobachter, der sich nach Intimität sehnt. Auch ohne Synästhesie sind die fünf Sinne von Geburt an miteinander verbunden und verknüpft.“ Vielleicht ist das der Grund, warum seine fotografischen Arbeiten sich der Welt immer mit einem Stil nähern, der sowohl vertraut als auch fremd ist. Wir können die künstlerische Sprache der Fotografie des 20. Jahrhunderts ebenso erkennen wie die der zeitgenössischen populären Werbung, Unterhaltung, Popkultur und sozialen Medien. Nach seinem kreativen Prozess erhalten all diese visuellen Stile jedoch eine erstaunlich einzigartige Wirkung.
Die Verwendung von Techniken der Werbefotografie zum Fotografieren von wurmstichigen Äpfeln erzeugt einen visuellen Kontrast, der eine widersprüchliche physiologische Erfahrung hervorruft. Ein eigentümliches Gefühl des Grotesken entsteht, wenn Tänzer*innen ohne narrativen Kontext einen Zustand perfekter körperlicher Symmetrie zeigen. Unter seiner Nahaufnahmelinse strahlt der menschliche Körper stets eine kafkaeske Absurdität aus, während seine Porträtfotografie im Pop-Stil immer einen starken Sinn für Ironie vermittelt. Rødlands Fotografie entzieht glamourösen Objekten ihre Aura und verleiht gewöhnlichen Dingen mystische Poesie. In seinen Arbeiten wird alles in der realen Welt zu Sprache, Spiel, Hinweisen oder Referenzen. Die verschiedenen Elemente in seinen Werken verleihen einander Bedeutung, erzeugen ihre eigene Signifikanz und verwandeln das Werk in eine Komposition aus Bedeutungen.
So werden die simplen, oberflächlichen Mythen, die die Massenmedien mit Bildern verbinden, demontiert. Die Fotografie wird zu einer besonderen „Wahrsagerei“, die sorgfältige Beobachtung und Unterscheidungsvermögen erfordert. Sie bietet den Betrachter*innen mehr als nur ästhetischen Wert oder Befriedigung, sondern dient auch als Träger komplexer Codes. Angesichts solcher Werke werden die Betrachtenden dazu veranlasst, die Rolle der Nachfahr*innen des Wahrsagers zu übernehmen, von dem Walter Benjamin sprach. Diese Rolle beinhaltet die Fähigkeit, die zukünftigen Möglichkeiten oder die Natur der Dinge anhand von Fotografien als „Wahrsagungswerkzeuge“ zu entschlüsseln, zu analysieren und zu interpretieren und die komplexen Bedeutungsebenen zu entschlüsseln, die in Rødlands fotografischen Werken eingebettet sind.
In gewisser Weise liefern uns Torbjørn Rødlands Fotografien unerwartete Informationen sowie eine einzigartige Gelegenheit zur Kommunikation und Interaktion. Im Gegensatz zu den Bildern, die wir aus den Mainstreammedien gewohnt sind, lösen seine Werke keine einfache, oberflächliche oder direktive Kommunikation und keinen Austausch aus, sondern bieten einen Ausgangspunkt für eine tiefe, freie und offene Kommunikation. Alle Betrachter*innen können ihre eigenen Interpretationsfähigkeiten einsetzen, um aus diesen seltsamen, absurden und poetischen Bildern reichhaltige Assoziationen zu schaffen. Dies ermöglicht es uns, die Fotografien zu erkunden und die in ihnen eingebettete Bedeutung zu entdecken, wodurch ein Raum für die Vorstellungskraft jedes Einzelnen entsteht.

 

Übersetzt von Yuan Jing