Heft 3/2025 - WANDALA–postkoloniale Aushandlungen
Immer wieder wird behauptet, afrikanische Regierungen würden sich ganz in ihrem Sinne der sozialen Medien bedienen: Sie würden sie manipulieren, zensieren und instrumentalisieren, um Fehlinformationen zu verbreiten oder kritische Stimmen mundtot zu machen. Tatsächlich kann dieser Vorwurf auch durchaus belegt werden, wie etwa ein Blick zurück ins Jahr 2011 verdeutlicht: Während des Arabischen Frühlings stürzten in Nordafrika mit Ägypten und Libyen gleich zwei Länder ihre Regierungen. In Uganda reagierte daraufhin die staatliche Kommunikationsbehörde mit drastischen Maßnahmen und blockierte beispielsweise bestimmte Schlüsselwörter – darunter auch „Gaddafi“ – in den sozialen Netzwerken. Allein die Möglichkeit, dass sich Nachrichten über revolutionäre Bewegungen verbreiten könnten, reichte also schon aus, um eine Art digitale Zensur auszuüben. Dahinter stand natürlich die Angst, die ugandische Bevölkerung könnte sich ebenfalls erheben und das politische Establishment stürzen.
Die Kontrolle über den digitalen Raum hat sich seitdem allerdings noch verschärft. Im Jahr 2021 ließ die ugandische Regierung den Zugang zu den sozialen Medien nämlich ganz sperren – offiziell als Reaktion auf die Proteste, die sich Ende 2020 im Vorfeld der Wahlen entzündet hatten. Damals gingen Tausende Menschen auf die Straße, nachdem ein Oppositionsführer unzulässigerweise verhaftet worden war. Die Regierung wollte in den Unruhen aber bloß ein „inszeniertes Drama“ sehen, das mithilfe der sozialen Medien initiiert worden wäre, und verfügte in der Folge deren komplette Abschaltung. Heute ist Facebook im Land zum Beispiel noch immer deaktiviert.
Dabei stellt Uganda keineswegs einen Einzelfall dar. So war 2016 der anglophone Teil Kameruns von einer Internetblockade betroffen, während 2019 in mehreren Staaten – darunter Algerien, Gabun, Sudan und dem Tschad – sogar landesweite Netzsperren verhängt wurden, häufig in einem zeitlichen Zusammenhang mit politischen Wahlen. Diese wiederkehrenden Maßnahmen machen damit unmissverständlich deutlich, dass viele Regierungen die digitale Öffentlichkeit gehörig fürchten. Was zu folgenden Fragen führt: Welche Rolle spielen die Medien in Zeiten wie diesen eigentlich? Wo sind sie, wenn sie gebraucht werden? Und warum schweigen sie, wenn sie berichten, analysieren, einordnen sollten?
Anfangs schien es so, als könnten die sozialen Medien den klassischen Medien bei der Bild- und Bedeutungsproduktion den Rang ablaufen. Viele Menschen glaubten etwa, dass Plattformen wie Facebook, Twitter oder TikTok das Fernsehen obsolet machen würden. Doch mit der Zeit kristallisierte sich heraus, dass beide Formen durchaus nebeneinander bestehen können – oder das vielleicht sogar müssen. Denn in den sozialen Medien verbreiten sich Informationen zwar mit rasender Geschwindigkeit, doch zugleich mit ihnen kommen auch Halbwahrheiten und Gerüchte unter die Menschen. Viele nutzen daher die klassischen Medien, um Nachrichten zu verifizieren. Ich selbst tue das beispielsweise regelmäßig: Wenn ein Freund postet, ein Staatschef sei gestorben, verlasse ich mich auf keinen Fall auf diesen Beitrag allein, sondern überprüfe die Meldung, indem ich internationale Nachrichtenkanäle wie CNN oder BBC zurate ziehe. So zeigt sich: Die Zukunft der Medien liegt nicht in einem unbarmherzigen Verdrängungswettbewerb, sondern in einem spannungsvollen Nebeneinander, einer Art Koexistenz.
Die Situation in Uganda verdeutlicht aber ein anderes Ungleichgewicht. Während kommerzielle Medienhäuser aufgrund ihres einträglichen Geschäftsmodells, sich über Werbung und den Verkauf von Sendezeit zu finanzieren, schlechthin florieren, geraten nicht-kommerzielle Medien dagegen durchwegs in wirtschaftliche Nöte. Heute existieren in Uganda infolgedessen nur mehr zwei nicht-kommerzielle Sender: Radio Maria und Lighthouse Television. Beide sind christlich geprägt und haben sich darum nicht der Aufgabe verschrieben, demokratische Werte oder politische Vielfalt zu fördern, sondern wollen vorrangig ihre religiöse Botschaft unter die Leute bringen. Dadurch entsteht ein Vakuum, denn Plattformen, auf denen Menschen frei und pluralistisch ihre Meinung äußern können, fehlen schmerzlich. Wer keine Stimme hat, sucht sich deshalb andere, oft drastischere Wege, um gehört zu werden – manchmal auch mit Gewalt. So entsteht zuweilen ein gefährlicher Kreislauf von Lynchjustiz und Unterdrückung.
Doch mit der staatlichen Zensur und der fehlenden Medien- bzw. Meinungsvielfalt haben sich die Probleme noch lange nicht erschöpft. Afrika steht heute nämlich auch vor einer neuen Form des Kolonialismus – subtiler, aber nicht minder wirksam als der frühere: Multinationale Konzerne entscheiden darüber, welche Technologie wir nutzen, welchen Content wir konsumieren und welche Weltauffassung wir letztlich damit vertreten. Unternehmen wie Google, MTN oder Star Times nehmen auf dem Wissensmarkt eine beherrschende Stellung ein. Star Times etwa, eine großes Medienunternehmen, füllt seine Sender vorwiegend mit Inhalten, die rein chinesische Belange wahren. Was wir sehen, hören und lesen, wird mithin zunehmend von externen Interessen bestimmt.
Die Auswirkungen davon sind schon spürbar: Ein Video, das vor einigen Jahren in den sozialen Netzwerken kursierte, zeigt zwei junge Afrikaner, die in erfundenem „Chinesisch“ miteinander sprechen, versehen mit dem ironischen Kommentar: „Wir bereiten uns auf den Tag vor, da die Chines*innen uns endlich kolonisieren.“ Obwohl die Szene durchaus humorvoll wirkt, offenbart sie vor allem aber die tiefe Sorge, dass die kulturelle Selbstbestimmung neuen Abhängigkeiten zum Opfer fallen wird. Die Medien selbst tun sich ebenfalls schwer damit, diesem Einfluss zu begegnen: zu groß die Angst, Werbeeinnahmen von internationalen Konzernen zu verlieren. So bleibt notwendige Kritik aus, und Selbstzensur wird zur Routine. Damit schwächen die Medien jedoch ihre ureigene Rolle, die darin besteht, eine unabhängige Kontrolle auszuüben, eine kritische Einordnung der Dinge vorzunehmen, für eine mutige Aufklärung zu sorgen.
Hinzu kommt: Die mediale Infrastruktur Afrikas orientiert sich stark an westlichen Vorbildern. Doch damit werden afrikanischen Gesellschaften letztlich Systeme aufgezwungen, die nicht ihren autochthonen Traditionen erwachsen sind. Freiheit, Demokratie, Öffentlichkeit – all diese Konzepte beanspruchen zwar eine universelle Geltung, entfalten sich aber in unterschiedlichen kulturellen Kontexten auf verschiedene Weise. Freiheit in Europa ist nicht gleichbedeutend mit Freiheit in Afrika. Dennoch bleibt die Sehnsucht nach Freiheit das alle(s) verbindende Element. Die Vorstellung allerdings, dass westliche Modelle Afrika einfach übergestülpt werden könnten, ist als ein Irrtum zu entlarven, der überwinden werden muss.
Als Filmemacherin und Storytellerin ist es mir deshalb ein besonderes Anliegen, afrikanische Geschichten aus afrikanischer Perspektive zu erzählen. Ich bemühe mich dabei, diejenigen Klischees zu umschiffen, die in westlichen Produktionen so hartnäckig fortbestehen. Filme wie Out of Africa etwa zeigen Afrika vor der Folie weißer Vorherrschaft: Die Protagonist*innen treten dort als white saviors auf, bringen medizinisches Wissen mit, vermitteln landwirtschaftliches Know-how, weisen auf die Bedeutung des Umweltschutzes hin. Implizit wird damit behauptet, Afrikaner*innen wären ohne diese fremde Hilfe verloren. Doch das stimmt so einfach nicht, denn afrikanische Gesellschaften verfügen über ein jahrhundertelang gewachsenes Wissen – sei es biologischer, medizinischer oder sozialer Natur.
Mein Ziel ist es nicht, den Westen zu attackieren, sondern alternative Perspektiven aufzuzeigen. In meinen Filmprojekten Kela, Sanyu und Namuddu stehen beispielsweise Frauen im Mittelpunkt. Es sind Geschichten, die von großer Stärke, einem unbändigen Überlebenswillen und dem Wunsch nach Selbstbestimmung künden. Und sie zeigen, dass (kulturelle) Lösungen sehr wohl auch endogen entstehen können. Meine zentrale Botschaft ist daher ebenso einfach wie kraftvoll: Afrika hat keine auswärtigen Retter*innen nötig. Wir müssen unsere Probleme nicht mithilfe fremder Rezepte meistern. Wir haben selbst alles, was wir brauchen. Wir dürfen nicht einfach untätig darauf warten, Geld oder Hilfe aus anderen Ländern zu empfangen – im Übrigen aus Ländern, die mit ihren eigenen Problemen kämpfen, seien sie wirtschaftlicher, politischer oder klimatischer Art. Viele von diesen Ländern kennen etwa vier Jahreszeiten und müssen damit Herausforderungen begegnen, denen wir uns in Afrika überhaupt nicht zu stellen haben. Warum also sollten wir von ihnen die Lösung unserer vermeintlich „einfachen Probleme“ erwarten? Die Wahrheit ist: Wir haben die längste Zeit Outsourcing betrieben und dadurch auch unser Vertrauen in unsere eigenen Fähigkeiten eingebüßt. Viele Afrikaner*innen sind so erzogen worden, sich selbst als schwach oder untüchtig anzusehen – beinahe als denkerische „Invalide“. Doch sobald wir beginnen, uns mit anderen Augen zu betrachten, werden wir erkennen, dass unsere Abhängigkeit keineswegs naturgegeben ist.
Die Malaise rührt dabei nicht zuletzt von unserem Bildungssystem her, einem System, das seit Jahrzehnten von kolonialen Strukturen geprägt ist – glänzend verpackt, aber innerlich faul. Es gleicht sozusagen einem weiß getünchten Grab: außen proper und repräsentativ, innen jedoch dem Tode geweiht. Und ebendort lernen die Schüler*innen dann Dinge, die oft keinen Bezug zu ihrem Alltag haben. Dann verlassen sie die Schule oder die Universität mit der Erwartung, irgendwo einen Job zu finden. Aber viel entscheidender wäre es stattdessen, die Fähigkeit zu entwickeln, selbst Arbeitsplätze zu schaffen – aus dem, was bereits vorhanden ist, im Vertrauen auf die eigene Kreativität die Ressourcen Afrikas erschließend.
Genau hier setzen üblicherweise auch meine Gespräche mit Jugendlichen an. In dem Versuch, ihre Perspektive zu verändern, sie aus der kolonialen Denkweise herausführen, die einen dazu nötigt, grundsätzlich zu jemandem „aufzuschauen“, der einem Flugzeug aus dem Westen entsteigt, stets mit der richtigen Lösung im Gepäck. Sobald wir diese Mentalität aber überwinden, werden sich ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Wir werden beginnen, andere Gespräche zu führen – über Selbstbestimmung, unsere eigenen Werte, unsere eigenen Narrative. Und wenn sich diese Perspektive einmal geändert haben wird, dann wird auch die Geschichte Afrikas eine andere Richtung nehmen.
Cissy Nalumansi lebt in Ugandas Hauptstadt Kampala und ist eine multidisziplinäre Storytellerin und Filmemacherin. Im März 2023 war sie bei der von DORFTV in Kooperation mit der Kunstuniversität Linz veranstalteten Konferenz Im Auge der Infodemie zu Gast. Der Text ist eine gekürzte Fassung ihres Vortrags.