VALIE EXPORT ist tot. Sie, die eben noch so lebendig viele Pläne geschmiedet hatte, starb drei Tage vor ihrem 86. Geburtstag und wenige Tage vor Eröffnung des VALIE EXPORT Studios, das sie als Ort der Begegnung mit jungen Künstlerinnen, als eine Art Salon des Refusés und auch als intergenerationalen Experimentierort gedacht hatte.
VALIE EXPORT war eine Künstlerin von Weltrang und große Feministin. Sie hat uns gezeigt, dass Kunst als gesellschaftlicher Diskursort zentral sein kann und nicht marginalisierbar ist, dass kompromisslos seine Stimme für künstlerische Freiheit zu erheben, genau das Zentrum des Politischen trifft; und sie hat mit ihrer Arbeit und dieser Haltung Generationen von Künstler*innen und Kurator*innen geprägt.
VALIE EXPORT trug den Ruhm, der sie in ihrer zweiten Lebenshälfte immer vernehmbarer und international wachsend umgab, mit außergewöhnlicher Liebenswürdigkeit – und mit einem leichten Schelm. Sie war – wie in ihrer Arbeit – präzise und scharf, aber nicht prätentiös, stolz und unbeirrbar, aber nicht arrogant, geradlinig und offen, aber nicht verletzend. Und sie nahm bis zu ihrem Ende interessiert und begeistert das Kunstgeschehen kritisch wahr und suchte den Austausch mit Künstler*innen. Eine Ikone zu sein, interessierte sie nicht. Dass sie ikonische Werke geschaffen hatte, dessen, glaube ich, war sie sich von Anfang an bewusst, das war der Trumpf der Schelmin, ein Triumph auch. Obwohl sie vor allem zu Beginn ihrer Arbeit im Umraum der aktionistischen, der experimentellen und später der Videokunst, in dem sie sich seit den 1960ern bewegte, sehr viel gesellschaftlichen (aber auch kollegialen) Gegenwind erlebte, war sie immer von der Notwendigkeit ihrer Arbeit überzeugt, und davon, dass sie mit ihrer Kunst dazu beiträgt, die Gesellschaft zu ändern.
Ihre Arbeiten forderten das damalige Verständnis von Kunst in der Nachkriegsgesellschaft heraus – ich bin mir aber nicht sicher, wie Körperperformances wie Asemie, Eros/ion, Hyperbulie heutzutage aufgenommen werden würden: Der Nacktheit, der Darstellung von Schmerz, der Verletzlichkeit als Gegenüber ausgesetzt zu sein, wäre in dieser – öffentlich vor- und aufgeführten – Direktheit, ja Intimität, auch heute schwer zu ertragen.
Deswegen widersetzte VALIE EXPORT sich wohl auch der von anderen in Selbsthistorisierung bereitwillig angenommenen Mode der Wiederaufführung historischer Performances. Aufgrund der geänderten Kontexte und Lebenswelten erschien es für sie nicht mehr möglich, ihre Werke zu einem späteren Zeitpunkt wiederaufzuführen. Die Authentizität widersprach dem Reenactment. Das konnte man auch bei der Genitalpanik, ausgeführt von Marina Abramović sehen, die nur einer sichtbaren Aufzählung von Performances gleichkam, aber ein „leerer Signifikant“ (Ernesto Laclau) blieb.
VALIE EXPORT war die politische Stimme der österreichischen Kunstlandschaft, ihre Radikalität und Konsequenz, ihre Experimentierfreude und kompromisslose Haltung sind einzigartig. Obwohl sie mit den Mitteln der Überschreitung und dem Schock arbeitete, waren diese immer zielgerichtet und nie reine Provokation. In ihren Arbeiten war eine Dringlichkeit vorhanden, von einem Selbstverständnis getragen, das der Gesellschaft zumutbar sein musste. „Sprengen des Herkömmlichen, damit was Neues entstehen kann“, so VALIE EXPORT.
Sie wurde in Linz geboren, aufgewachsen mit einer alleinerziehenden Mutter, zwei wesentlich älteren Schwestern und einem abwesenden Vater im Krieg. Als Lehrerhaushalt legte man Wert auf gute Bildung und gab Waltraud in die Klosterschule zu den Nonnen. In dieser Sozialisation baute sie schon früh ihren Widerstand gegen Unterdrückung auf. Sie verwendete des Öfteren religiöse Motive und wandelte diese ab, wie in der Bleistiftzeichnung Die Vorstellung eines Kindes: „Gott ist ein Mann“, in der das Kind vor dem Altar kniet, vor ihr die Monstranz in einer vaginalen Form, und für ihren abwesenden Vater betet. Auch in der Installation Geburtenmadonna für die Venedig Biennale 1980 zeigt sie neben dem raumgreifenden Geburtenbett aus Beton ein Video mit Bildern der Transsubstantiation, der „heiligen Wandlung“ in der katholischen Messe, und verschränkt diese mit medizinischen Bildern der Genmanipulation. Welch ein Aufruhr der Kirchenvertreter!
Ihre Wut und Auflehnung kam aus der eigenen Lebenserfahrung und richtete sich gegen die „Domestizierung“ von Frauen, gegen die sozial diktierte Konstruktion von Weiblichkeit. Heute erleben wir diese Rückgewandtheit wieder in der „Tradwife-Kultur“, einer digitalen Romantisierung von Care-Arbeit und Geschlechterrollen.
VALIE EXPORT war auch eine harte Arbeiterin und frühe Netzwerkerin der feministischen Kunst, der Kunst von Frauen. Sie verfasste 1972 Woman’s Art: Ein Manifest, in dem sie eine von männlichen Zuschreibungen befreite und selbstbestimmte Kunst forderte. Es bildete auch die Grundlage für die erste feministische Ausstellung von Künstlerinnen in Europa MAGNA. Feminismus: Kunst und Kreativität (1975) mit internationalem Filmprogramm und Symposium.
VALIE EXPORT gefiel Wien, da es eine „tote Stadt“ war, doch sie nahm auch Bezug auf das historische Wien und seine Atmosphäre vor dem Zweiten Weltkrieg. Sie setzte ihren Körper fotografisch in Beziehung zur Stadt, hat an der Architektur und ihrer Relation zum Körper topografische Vermessungen durchgeführt. Wie auch die Erkundungen in Adjungierte Dislokationen (1973), die die Wahrnehmung von Raum und Perspektiven darstellen, die im Kino gezeigt werden. In Moskau, bei VALIEs Personale während der Moskau Biennale 2007, die ich kuratieren konnte, standen zwei junge weibliche Punks wie gebannt vor dieser Arbeit und versuchten, eine Orientierung zu finden.
Mit Peter Weibel verband sie eine „langjährige künstlerische Praxis, in der sie sich wechselseitig bereicherten“, die jedoch hochsensibel war. Theorie und Kunst bedingten sich.
Anfang der 1990er-Jahre unterzog die Medientheoretikerin Roswitha Müller, die zur selben Zeit wie VALIE EXPORT in Wisconsin unterrichtete, EXPORTs Werk einer präzisen Untersuchung der materiellen und apparativen Bedingungen der Bildproduktion, die sich als Standardwerk etablierte. Ab den 1990er-Jahren erkannte eine neue Generation von Kuratorinnen die Dimension ihres Beitrags zur Kunst des 20. Jahrhunderts und arbeitete an dessen Kontextualisierung für die Gegenwart. Trotzdem dauerte es bis 1997, bis zur ersten großen Retrospektive im 20er Haus in Wien. Von da an ging’s bergauf. Viele Ehrungen und Preise, zum Beispiel der Oskar-Kokoschka-Preis 2000, der Yoko Ono Lennon Courage Award 2014 (gleichzeitig mit Laurie Anderson, Marianne Faithfull und Gustav Metzger), der Roswitha Haftmann-Preis, der höchstdotierte Preis Europas, oder die Verleihung des Max-Beckmann-Preises der Stadt Frankfurt (2022) in der Paulskirche (im Publikum Peter Weibel!) folgten.
VALIE EXPORT war schon immer zugänglich für den virtuellen Raum, im Linzer Archiv des VALIE EXPORT Center findet sich ein Drehbuch Der virtuelle Körper. Vom Prothesenkörper zum postbiologischen Körper. Wird VALIE EXPORT möglicherweise als Avatar auftauchen, als „digital native“? „Wird jemand einem Avatar eine Blume hinterlassen?“, fragte unlängst eine junge Kunstkritikerin. VALIE, Dir ganz sicher!