Teslokratie bezeichnet ein technokapitalistisches Herrschaftsdispositiv („-kratie“) in the making, in dem sich die Akkumulation von Kapital zunehmend in unmittelbare politische und infrastrukturelle Macht übersetzt. Sie entsteht, wenn Tech-Kapital, „grüne“ Fortschrittsnarrative und autoritäre Politik mit administrativer „Beschleunigung“, staatlicher Deregulierung, ökologischer Externalisierung und neuen Formen medialer Disruption zusammenwirken. Der Versuch ihrer Verstetigung beruht auf der Privatisierung staatlicher Kernbereiche, dem Abbau administrativer und demokratischer Kontrollmechanismen sowie der zunehmenden Abhängigkeit von Big-Tech-Infrastrukturen. Sie erschöpft sich jedoch weder in der Person Elon Musks noch im Produktionssystem von Tesla, sondern soll hier als Arbeitsbegriff für die Analyse und die mögliche Unterbrechung technokapitalistischer Herrschaft dienen. Begriffe wie „Muskismus“ heben zwar die symbiotische Beziehung zwischen Musks Unternehmen und dem Staat hervor und betrachten Musk als Symptom einer breiteren historischen Konstellation.1 Sie halten jedoch oft an einer hyperpersonalisierten Darstellung fest, wie auch das an Thomas Hobbes’ Leviathan angelehnte Cover der deutschen Ausgabe von Quinn Slobodian und Ben Tarnoffs aktuellem Buch zeigt. „Teslokratie“ vermeidet den Fokus auf Personen oder Unternehmen, auch wenn diese sich hervorragend als Projektionsflächen anbieten.
Was unter Schlagworten wie Effizienz, Innovation oder „Tesla-Tempo“ propagiert wird – eine Formulierung von Robert Habeck, dem ehemaligen deutschen Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz von Bündnis 90/Die Grünen –, produziert ökologische Externalisierungen und Konflikte um Boden und Wasser, Arbeitnehmer*innenrechte und demokratische Beteiligung. Der Herrschaftsanspruch der Teslokratie formiert sich nicht im luftleeren Raum, sondern tritt in konkret lokalisierbaren Konflikten hervor. Diese Konflikte erscheinen den Teslokrat*innen als Widerstände, die möglichst friktionsfrei eingehegt werden müssen.
Von Grünheide bis zum Mars
Dies zeigt sich etwa an der Gigafactory Berlin-Brandenburg. Südöstlich von Berlin entstand ab 2020 diese Fabrik in einem Wasserschutzgebiet in Grünheide, einer Gemeinde mit 9.000 Einwohner*innen. Das Werksgelände auf rund 300 Hektar, dessen Wasserverbrauch dem einer Stadt mit mehr als 30.000 Einwohner*innen entspricht, liegt in einer ohnehin wasserarmen Region. Gutachter*innen, Umweltschutzorganisationen, der regionale Wasserverband und die Bürgerinitiative Grünheide hatten die Eignung des Standorts bereits seit Bekanntwerden der Pläne infrage gestellt. Zwischen der Verkündigung der Ansiedlung und der vorläufigen Baugenehmigung lagen lediglich drei Monate, ein winziges Zeitfenster sowohl für die zuständigen Behörden als auch für die Organisation lokalen Widerstands. Infolgedessen manifestierte sich der Protest auch durch eine Waldbesetzung und die „Fällung“ eines Strommasts durch die anarchistische Vulkangruppe Tesla abschalten!. An der Ansiedlung, die in der von mir gemeinsam mit Alexander Karschnia und Heimo Lattner herausgegebenen Nautilus-Flugschrift Teslokratie detailliert analysiert wird, kann nachvollzogen werden, wie technokapitalistische Macht operiert: durch administrative „Beschleunigung“, Geheimhaltung und politischen Druck, vorzeitige Genehmigungen und die Auslagerung ökologischer Kosten.2
Die Teslokratie operiert nicht bloß in den Echokammern sozialer Netzwerke, in libertären Chatgruppen und Substacks, sondern über konkrete Verfahren an konkreten Orten. Grünheide ist dabei kein Ausnahmefall, ebenso wenig ist der Mars lediglich Science-Fiction. Beide Orte verbindet eine Ideologie des „Exits“. Symptomatisch dafür ist, dass neoreaktionäre Apologet*innen der Teslokratie den sozialwissenschaftlichen Klassiker von Albert O. Hirschman, Exit, Voice, and Loyalty: Responses to Decline in Firms, Organizations, and States (1970) einer perfiden Fehllektüre unterziehen.3 Hirschman versuchte, das unterschiedliche Verhalten von Bürger*innen und Verbraucher*innen zu erklären: „exit“ beschreibt Konsument*innenverhalten (Abwanderung zur Konkurrenz), während „voice“ die politische Aktion meint (Widerspruch durch Wahl, Petition, Protest). Die „loyalty“ vermittelt zwischen den beiden Sphären der Ökonomie und der Politik. Statt das Zusammenspiel dieser Trias zu denken, verabsolutiert die Teslokratie den Exit. Und so lautet die teslokratische Fantasie: raus aus Regulierung, demokratischer Aushandlung und ökologischen Grenzen, notfalls weg von der Erde. Der Mars verkörpert die radikalste Variante dieser Fantasie: der Unbewohnbarkeit der Erde durch die Erschließung neuer Territorien entkommen zu können. In diesem Sinne erscheinen Teslokrat*innen als Prototypen jener „Erdflüchter“, die Bruno Latour in Das terrestrische Manifest kritisierte.4
Teslokratie als zonale Herrschaftsform
In ihrer räumlichen, administrativen und infrastrukturellen Organisation erscheint die Teslokratie als eine zonale Herrschaftsform. „Zone“ ist dabei nicht nur ein analytischer oder technischer Begriff: Sonderwirtschaftszonen bilden seit Jahrzehnten ein Instrument neoliberaler Entwicklungs- und Standortpolitik, während Charter Citys diese Zonenlogik in techno-libertären Exit-Entwürfen radikalisieren. Auf diese Weise entstand ein Flickenteppich von „Mikroordnungen“, basierend auf „alternativen, kleinmaßstäblichen politischen Arrangements“. Aus marktradikaler Perspektive sollen diese Mikroordnungen „disziplinierend auf die bestehenden Staaten wirken und als Anschauungsbeispiele für bessere Ordnungssysteme dienen“5. Quinn Slobodian fasst diese Logik pointiert zusammen: „Die Zone entwickelt in kleinem Maßstab das Modell eines neuen Staates für alle.“6 Jeder Akt der „sanften Sezession“ – von der Verlagerung von Unternehmensgewinnen in Steueroasen bis zur Privatisierung staatlicher Sicherheitsaufgaben – sei dabei „ein weiterer kleiner Sieg für die Zone, ein weiteres kleines Loch im Gewebe der Gesellschaft.“7
Neben der neoliberalen Zone existiert aber auch eine politisch gegenläufige Genealogie. In T.A.Z.: The Temporary Autonomous Zone, Ontological Anarchy, Poetic Terrorism definierte Peter Lamborn Wilson alias Hakim Bey Anfang der 1990er-Jahre die temporäre autonome Zone als „a temporary but actual location in time and […] in space“8. Das damals entstehende Internet sollte als logistisches und informelles Unterstützungssystem dienen, nicht als Ersatz für die physische Zone. In seinem Vorwort zur zweiten Auflage von 2003 übt Bey dann Selbstkritik: Das Web sei zum „perfect mirror of Global Capital“9 geworden; die TAZ müsse vielmehr im „geographical odorous tactile tasty physical space“ existieren. Mit der Idee der PAZ, der Permanent Autonomous Zone („like a successful commune or bohemian enclave“10), stellte er der temporären Unterbrechung zudem die Möglichkeit dauerhafter autonomer Räume zur Seite. Die Zone erscheint hier nicht als Raum des Exits aus gesellschaftlichen Verpflichtungen, sondern als Versuch, partielle Autonomie in konkreten Räumen zu schaffen und zu verteidigen: „a bit of autonomy’s better than none“11.
Die „Zone“ steht im Zentrum der Auseinandersetzung mit libertärer und autoritärer Politik unter den Vorzeichen der Teslokratie: Zonen reorganisieren staatliche Funktionen selektiv. Die Teslokratie ist eine „zonale Herrschaftsform“, in der demokratische Aushandlung als Verzögerung erscheint, ökologische Grenzen als Managementproblem behandelt werden und Exit-Fantasien die Bindung an konkrete Orte unterlaufen. Die Zone ist dabei zugleich Herrschafts- und Konfliktform. Zonen beschleunigen Verfahren, verschieben Zuständigkeiten, externalisieren Kosten und begrenzen demokratische Einwände. Doch Zonen sind nicht allein Instrumente von oben, sondern stets auch umkämpfte Räume, die besetzt und verteidigt, imaginiert, verfremdet, aber auch entzogen werden können.
In Extrastatecraft: The Power of Infrastructure Space beschreibt Keller Easterling die Zone als Raum eines selektiven Liberalismus. Erweitert wird in diesem Wirtschaftsliberalismus nicht die Freiheit schlechthin, sondern lediglich die „freedom of selected actors“12. Die Zone dereguliert nicht einfach, sondern verteilt Rechte und Freiheiten asymmetrisch. Zugleich ist sie laut Easterling weder eine eindeutig geschlossene noch ausschließlich repressive Raumform. Gerade weil die Zone danach strebt, Stadt zu werden, könne sie auch „the carrier of its own reversal or antidote“ sein.13 Die Zone trägt ihre Umkehrung nicht notwendig in sich; ihre sozialen, technologischen und räumlichen Komponenten eröffnen jedoch Ansatzpunkte für eine andere Programmierung und politische Anfechtung.
Wenn dieses Heft von „Zonen der Teslokratie“ spricht, dann nicht im Sinne eines einheitlichen Begriffs. Neben ihrer Funktion als Instrument teslokratischer Herrschaft können Zonen Schutz- und Gegenräume, ästhetische Erfahrungsräume oder Schauplätze politischer Ausverhandlung sein. Die Tiefsee etwa wird, wie Claus Leggewie in seinem Beitrag argumentiert, zu einer Zone, in der die Logik des grünen Kapitalismus, der Extraktion und der Rohstoffpolitik sichtbar wird, zugleich aber auch zu einem Raum, der gerade nicht verfügbar gemacht werden sollte.
Diese ökologische Dimension der Zone verlangt, zwischen dem Globalen und dem Planetarischen zu unterscheiden. Wie Dipesh Chakrabarty argumentiert, ist der Globus eine „humanozentrische Konstruktion; der Planet bzw. das Erdsystem dezentriert den Menschen“14. Globus und Planet sind dennoch miteinander verbunden: Die globale Reichweite von Kapitalismus und Technologie erzeugt Effekte, die in planetarische Prozesse und Bedingungen eingreifen. Die Teslokratie lässt sich daher nicht allein global beschreiben. Ihre Effekte treten in konkreten Zonen hervor: in Wasserhaushalten, Rohstoffketten, Landschaften, Tiefseegebieten und jenen terrestrischen Bedingungen, aus denen es keinen „Exit“ gibt. Dazu gehören auch Rechenzentren als energie- und wasserintensive Knoten der Technosphäre, in denen KI-Infrastrukturen, Stromnetze, Kühlung, Landverbrauch und Rohstoffketten zusammenlaufen. In der Zone der Teslokratie wird die Kollision zwischen global operierendem Kapital und planetarischen Grenzen sichtbar und politisch verhandelbar.
Gegen den Mars steht der Boden
Gegen den Exit steht eine Politik des Bleibens, wie zahlreiche (trans-)lokale Bewegungen der vergangenen Jahre, nicht zuletzt in ländlichen Räumen, zeigen. Die ZAD bei Notre-Dame-des-Landes, eine „zu verteidigende Zone“ (zone à défendre), eignete sich das Akronym der administrativen zone d’aménagement différé an und deutete es um. Weitere ZADs in Frankreich, die Bewegung Les Soulèvements de la Terre, die No-TAV-Bewegung im italienischen Val di Susa, der indigene Widerstand gegen die Dakota Access Pipeline in Standing Rock und die Kampagnen Stop Cop City und Defend the Atlanta Forest in den USA sowie die Besetzung des Hambacher Forsts und die Aktionen von Ende Gelände sind weitere Beispiele für gegenwärtige Widerstandsbewegungen. So unterschiedlich diese organisiert sind, verbindet sie dennoch die Verteidigung konkreter Lebensräume durch Praktiken der Besetzung, kollektiven Nutzung und Reorganisation. In The Commune Form: The Transformation of Everyday Life (2024) versteht Kristin Ross diese Konstellation als Aktualisierung einer älteren politischen Form. Sie verfolgt deren Genealogie von der Pariser Kommune über die Nantes Commune von 1968, Larzac und Sanrizuka in Japan bis zur heutigen ZAD. Unter dem Schlagwort „Nantes, not Nanterre“ verschiebt Ross den Fokus von der Pariser Revolte auf Bündnisse zwischen Arbeiter*innen und paysans, die in Nantes gemeinsame Versorgungs- und Entscheidungsstrukturen hervorbrachten.
Die politische Intelligenz der ZAD liegt für Ross nicht in vermeintlich ländlicher Autarkie, sondern in der Verbindung einer langen Geschichte der „paysan insurgency“ mit neuen Formen territorialer Besetzung.15 Sie ersetzen die teslokratische Fantasie des Exits nicht durch eine andere Fluchtlinie, sondern durch Verteidigung und geteilte Nutzung. Wie das Kollektiv Les Habitants qui Résistent es formulierte: „To defend a territory, you have to inhabit it.“16 Auch für Les Soulèvements de la Terre sind ökologische, koloniale und soziale Fragen direkt miteinander verknüpft. Wie sie es in ihrem Buch Erste Beben formulieren, gilt es, „die politische Ökologie auf die Erde zurückzuholen“ und „uns in der Erde zu verankern und den Kampf von hier aus aufzunehmen“17. Während die Teslokratie Überlebensvorstellungen nach einem Zusammenbruch in von Mauern umgebenen Städten und monokulturellen Marsgemeinschaften propagiert, entstehen in der ZAD und anderswo Modelle des Zusammenlebens und planetarischen Denkens.
Gegen den „teslokratischen Realismus“, der die Naturalisierung der Vorstellung, private Tech-Infrastrukturen, Beschleunigung und autoritäre „Problemlösung“ seien alternativlos, zum Ziel hat, sei hier zusammenfassend darauf verwiesen, dass es keinen Exit aus politischer Aushandlung, sozialer Interdependenz und planetarischen Bedingungen gibt.
[1] Quinn Slobodian/Ben Tarnoff, Muskismus. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer. Berlin 2026, S. 39.
[2] Vgl. Christoph Chwatal/Alexander Karschnia/Heimo Lattner (Hg.), Teslokratie. Ideologien des Tech-Kapitalismus. Hamburg 2026 sowie den Beitrag von Heimo Lattner und Julia Palmer in dieser Ausgabe.
[3] Alexander Karschnia (Hg.), Exit, voice & loyalty: zwei wiederentdeckte Texte von Albert O. Hirschman. Berlin 2024.
[4] Bruno Latour, Das terrestrische Manifest. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs. Berlin 2022.
[5] Quinn Slobodian, Kapitalismus ohne Demokratie. Wie Marktradikale die Welt in Mikronationen, Privatstädte und Steueroasen zerlegen wollen. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer. Berlin 2023, S. 15.
[6] Ebd.
[7] Ebd., S. 17.
[8] Hakim Bey, T.A.Z. – The Temporary Autonomous Zone, Ontological Anarchy, Poetic Terrorism. New York 2003, S. 107.
[9] Ebd., S. xi.
[10] Ebd.
[11] Ebd., S. xi–xii.
[126 Keller Easterling, Extrastatecraft: The Power of Infrastructure Space. London/New York 2014, S. 160.
[13] Ebd., S. 68–69.
[14] Dipesh Chakrabarty, Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter. Aus dem Englischen von Christine Pries. Berlin 2025, S. 14.
[15] Kristin Ross, The Commune Form: The Transformation of Everyday Life. London/New York 2024, S. 56.
[16] Zitiert in Isabelle Fremeaux/Jay Jordan, We Are „Nature“ Defending Itself: Entangling Art, Activism and Autonomous Zones. London 2021, S. 56.
[17] Aufstände der Erde, Erste Beben. Aus dem Französischen von Sula Textor/Claire Schmartz/Andreas Jandl/Franck Traps. Berlin/Hamburg 2025, S. 17.