Heft 1/2011 - Lektüre



Hg. v. Lotte Arndt, Clemens Krümmel, Dierk Schmidt, Hemma Schmutz, Diethelm Stoller, Ulf Wuggenig:

Dierk Schmidt

The Division Of The Earth Tableaux On The Legal Synopses Of The Berlin Africa Conference

Lüneburg/Köln (Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg/Verlag der Buchhandlung Walther König) 2010 , S. 74

Text: Ulrike Davis-Sulikowski


Die Mächtigen lieben es, »die Erde aufzuteilen« – man denke etwa an die päpstliche Bulle »Inter caetera« und den Vertrag von Tordesillas 1492 bei der Eroberung der Amerikas. Sie lieben es, miteinander um Machtbereiche und Einflusssphären zu kämpfen, zu verhandeln und Zonen zu bestimmen, vorzugsweise auf dem Reißbrett, und wenn Worte nicht ausreichen, dann bleibt immer noch der Krieg als Produktivkraft für Tatsachen. Die Berliner Konferenz von 1884/85 ist einer dieser symbolischen Kristallisationspunkte hegemonialen Machtstrebens und der letzte pure kolonial-imperiale Gestus, danach setzt sich eine neue Produktionsweise durch. Heute, knapp 140 Jahre und eine weitere Produktionsform danach, waltet wieder ein »Imperium«, mit neuem und doch stets gleichem Gestus der Macht: Geopolitik und Weltordnung.
Die vorliegende Publikation dokumentiert und erweitert das künstlerisch-wissenschaftliche Projekt »The Division Of The Earth. Tableaux On The Legal Synopses Of The Berlin Africa Conference« von Dierk Schmidt, das sich vor allem mit der Rolle Deutschlands als Letztbekehrtem im kolonialen Unterfangen des 19. Jahrhunderts und unter Führung des preußischen Reichskanzlers Bismarck als Initiator der Berliner Konferenz, auseinandersetzt. Diese Konferenz war die Erste im Ringen um die Vormacht auf den Weltmärkten unter den europäischen Kolonialmächten, die sich ausschließlich mit Afrika beschäftigt und bei der keine einzige Vertretung eines afrikanischen Staats anwesend war.
Gemeinsam mit ca. 20 Studierenden arbeitete Schmidt über mehrere Jahre an dem Projekt, in das ausgedehnte Archivrecherchen wie auch Reisen nach Namibia und die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und politischen Aktivisten wie Alfred Angula oder Cons Katamara (Namibia) einflossen. Der zugrunde liegende Ansatz, sich mit der deutschen Kolonialvergangenheit und deren Auswirkungen in der Gegenwart, der Komplexität und Vielschichtigkeit historischer Prozesse überhaupt auseinanderzusetzen und dafür entsprechende künstlerische Darstellungsformen zu finden, wurde in mehreren Ausstellungen umgesetzt. Jeweils eingebettet in wissenschaftliche Symposien wurde »The Division Of The Earth« im Zeitraum von 2005 bis 2009 zuerst im Salzburger Kunstverein, dann im Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg und schließlich auf der documenta 12 in Kassel gezeigt – aufeinander aufbauend, mit weiter bearbeiteten oder neuen Objekten.
Die Publikation wie auch die Ausstellungen wurden von Dierk Schmidt in Zusammenarbeit mit internationalen SeminarteilnehmerInnen aus Kunst und Wissenschaft in reflexivem Diskurs realisiert; die verwendeten und bearbeiteten Quellen stammen aus zahlreichen internationalen Archiven, staatlichen wie auch privaten Einrichtungen. Die im Band ausgebreitete Materialfülle umfasst neben der visuellen Ausstellungsdokumentation Auszüge aus Originalquellen zur Berliner Konferenz, historische Karten, Zeichnungen, Briefwechsel und Zeitungsberichte über die Konferenz bzw. die Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Neben kontemporären, postkolonialen Positionen wie den Wiedergutmachungsforderungen der afrikanischen Staaten finden sich auch eine juridische Position zur abgewiesenen Klage der Herero, Namibia, gegen die Bundesrepublik Deutschland als Nachfolgestaat der deutschen Kolonialregierung aus Sicht des Internationalen Rechts von Malte Jaguttis und M. N. Kaapanda Girnus oder die Arbeit an postkolonialen afrikanischen Geschichtsperspektiven wie jene von Elikia M’Bokolo oder Nikita Dhawan.
Einerseits ist die vielschichtige Publikation eine Sammlung von Fragmenten auf mehreren formalen und inhaltlichen Ebenen und damit selbst ein Archiv; andererseits ist der Band in seiner ganzen Diversität selbst wieder ein in sich geschlossenes Dokument im fortlaufenden Diskurs der Macht – vor allem aber ist das Buch ein Kunstobjekt. Es ist Produkt eines künstlerischen Versuchs, sich visuell-ästhetisch mit der Sprache der Macht zu beschäftigen, ihren Herrschaftsmechanismen auf die Spur zu kommen und gleichzeitig in einem Kunstprojekt eine kritische Analyse der deutschen Kolonialpolitik und ihrer Gegenwartseffekte zu leisten, wie auch eine kritische afrikanische Sichtweise wahrzunehmen und umzusetzen. Wobei eine der aufgedeckten Fährten der legalistische Duktus ist, der die wirklichen Menschen und ihre Lebenswelten aus dem Geschehen wegformalisiert und abstrahiert hat. Diese künstlerische Herangehensweise nimmt zunächst das Gespräch zwischen Kunstgeschichte und politisch-ökonomischer Geschichtsschreibung auf. Die dabei gelegten Spuren und Wege stecken akribisch Raum- und Ereignisgrenzen ab. Ob die gewählte künstlerische Form bisweilen selbst in die koloniale Falle tappt und der ästhetisch-formale Darstellungsmodus mitunter ebenso viel verdeckt, wie er analytisch enthüllen will, bleibt dabei als Frage im Raum stehen.
In jedem Fall bieten sich für die LeserInnen und BetrachterInnen, die eingeladen sind mitzugehen durch das Dickicht der Rechts- und Amtsprache wie durch Kunst- und Wissenschaftsgespräche, Bilder und Texte, alles mit archivarischer Sorgfalt versammelt, viele Pfade der Erklärung und des Verstehens – um so vielleicht auch das Entsetzen im Antlitz des Benjamin’schen Engels der Geschichte zu begreifen.