Heft 1/2016 - Netzteil


Blickverhältnisse im Drohnenzeitalter

Künstlerische Auseinandersetzungen mit dem neuen maschinellen Sehen

Julia Gwendolyn Schneider


Aufgrund ihrer ferngesteuerten Jagd auf TerroristInnen, die in Geheimverfahren ohne Anklage und Gerichtsverhandlung zur Exekution freigegeben werden, stehen die USA international in der Kritik. Drohnen, die gerne als tugendhaft gerühmt werden, da sie Verluste im eigenen Lager minimieren, sind zum negativen Symbol der Obama-Regierung geworden. Während BefürworterInnen die Präzision der Waffe rühmen, die bestens zwischen ZivilistInnen und TerroristInnen unterscheide, wird genau dies von KrikerInnen immer wieder infrage gestellt. Zahlreiche Berichte des Bureau of Investigative Journalism, von Reprieve, Code Pink und Amnesty International sowie die Stanford/NYU-Studie Living Under Drones arbeiten daran, die Geheimnisse des US-Drohnenkriegs zu lüften. Seit Oktober 2014 liegt durch einen Whistleblower auch ein Dossier auf The Intercept vor. Basierend auf zugespielten Geheimdokumenten des US-Militärs gewähren die Drone Papers Einblicke in die Drohneneinsätze der USA zwischen 2011 und 2013. Allem voran bestätigen sie die oft willkürliche Auswahl der Zielpersonen sowie die hohe Anzahl ziviler Todesopfer.1
Aus den Dokumenten geht hervor, dass das Aufspüren von Verdächtigen mittels elektronisch erhobener Metadaten wie Handynummern keine zuverlässige Methode sei. So werden nicht Individuen, sondern Telefone gejagt. Daneben gibt es Hinweise auf „signature strikes“ gegen Personen mit verdächtigem Verhalten, die nicht weiter identifiziert werden. Beide Verfahren sind der Hauptgrund für die Tötung unbeteiligter ZivilistInnen. Während der leistungsfähige Sehapparat der Drohne gerne als objektives Werkzeug beschrieben wird – „using the all-seeing eye, you will find out who is important in a network, where they live, where they get their support from, where their friends are“2 –, stellt sich die Frage, was diese neuen Sichtverhältnisse wirklich zeigen. Was offenbart das Kameraauge einer Drohne? Wie wird das erzeugte Bewegtbild interpretiert? Zuverlässige Antworten gibt es auf diese dringlichen Fragen bisher nicht. Eine Auseinandersetzung mit der Schnittstelle zwischen Drohne und Visualität steht im Fokus der Ausstellung To See Without Being Seen: The Contemporary Art of Drone Warfare, die Ende Januar 2016 im Mildred Lane Kemper Art Museum in St. Louis eröffnet. Die Medien- und Kulturwissenschaftlerin Svea Bräunert, die sich mit Sichtverhältnissen des Drohnenkriegs in der Gegenwartskunst beschäftigt, und Meredith Malone, Kuratorin am Kemper Art Museum, zeigen Werke von 13 KünstlerInnen, die den militärischen Einsatz und Überwachungsaspekt von Drohnen kritisch beleuchten.

Verschobene Blickrichtung
Das Problem der nicht vorhandenen Transparenz des vertikalen Drohnenblicks thematisiert etwa Tomas van Houtryve in Blue Sky Days, einer Serie von Schwarz-Weiß-Fotografien, die mithilfe einer Drohne entstanden sind. Zu sehen sind Luftaufnahmen alltäglicher Situationen in den USA. Sie ähneln Umständen, wie sie in Pakistan oder im Jemen im Zuge amerikanischer Drohnenangriffe unschuldige Opfer nach sich zogen: Hochzeitsfeiern, Beerdigungen, betende oder Sport treibende Menschen – Momente einer falschen militärischen Bildauswertung. Für van Houtryve funktionieren die Fotografien am besten, wenn die BetrachterInnen nicht mehr klar erkennen können, ob die Menschen auf der Wiese Yoga praktizieren oder beten: „That’s the sort of ambiguity that I wanted to bring up, the sort of ambiguity that I think we should worry about.“3 Die angebliche Präzision, die der militärische Diskurs gerne betont, soll ins Wanken gebracht werden. Ob das immer gelingt, ist fragwürdig, interessant ist aber ein weiterer Aspekt: Der Blick der Drohne wird deplatziert und die USA als der Aggressor entlarvt – eine Blickrichtung, die die Ausstellung in der Sektion „Bringing the War Home“ akzentuiert, womit auch der Tatsache Rechnung getragen wird, dass es kaum eine visuelle Narration des US-Drohnenkriegs gibt.

Verwundbarer Blick
Streng genommen sind van Houtryve Fotografien keine Drohnenbilder: Sie wurden mit einer normalen Kamera von einer Drohne aus aufgenommen und zwar bewusst so, dass sie kräftige Schwarz-Weiß-Kontraste beinhalten und durch ausgeprägte Schattenwürfe die Abstraktion des Bilds verschärfen. Einen tatsächlichen Drohnenblick liefert hingegen Drone Vision (2010), eine Arbeit von Trevor Paglen, die in der Sektion „Tracking and Targeting“4 zu sehen ist. Die Kuratorinnen zeigen hier Projekte, die die Mensch-Maschine-Schnittstelle von operativen Bildern thematisieren, „Bilder, die nicht ästhetisch zu betrachten, sondern eher als technische Werkzeuge zu untersuchen sind, die zum Handeln verleiten.“ Das Ausgangsmaterial für Paglens fünfminütigen Film wurde von einem Hacker über einen offenen Satellitenkanal abgefangen und stammt aus Videostreams einer Predator-Drohne aus dem Jahr 2009. Im selben Jahr gelang es auch irakischen Aufständischen, mit einer billigen Software ungesicherte Drohnen-Feeds abzufangen. Während der Titel der Arbeit an den mächtigen Blick der ferngesteuerten Drohne denken lässt, vermittelt die tatsächliche Drohnensicht ein etwas anderes Bild.
Paglens lose editierte Aufnahmen zeigen meist verschwommene, mit technischen Angaben versehene schwarz-weiße Gebirgslandschaften, daneben ist in Farbe ein Sandweg zu erkennen, den ein Traktor mit Anhänger entlangfährt. Die schlechte Bildqualität erzeugt Zweifel an der Aussagekraft der Aufnahmen der patrouillierenden Drohne. Was hat Sehen mit Wissen und Vermuten zu tun? Trotz der langweiligen Bilder stellt die vertikale Drohnenperspektive alles unter Verdacht. Der Schwenk der Kugelkamera auf einen Drohnenflügel wirkt hingegen verwirrend und stört vorübergehend den allmächtigen Überwachungsblick. Außerdem wird anhand des gehackten Ausgangsmaterials auch die technische Verwundbarkeit der Hightechwaffe thematisiert.

Unsichtbar werden
Der Abschnitt „Counter Surveillance“ widmet sich widerständigen Momenten der Drohnenüberwachung. Hito Steyerls How Not to Be Seen: A Fucking Didactic Educational .Mov File (2013) verdeutlicht, dass wir selbst über unsere Sichtbarkeit entscheiden möchten. Die Idee für ihre Arbeit basiert auf der Erzählung eines Rebellen, der sich dem Drohnenblick entzog, indem er seine Körperwärme drosselte und sich mit reflektierenden Plastikplanen bedeckte. Leuchtendes Plastik, für jedes menschliche Auge sichtbar, erkennen die Drohnencomputer paradoxerweise nicht.5 How Not to Be Seen ist ein gewitztes Instruktionsvideo, dass Strategien des Verschwindens vorführt, etwa Tarnfarbe im Gesicht oder kleiner als ein Pixel zu werden. Der Film zeigt aber auch, dass Verschwinden ein ambivalentes Konzept ist, welches nur wünschenswert ist, wenn man selbst über sein Abhandenkommen entscheiden kann. Die dunkle Seite der Strategie scheint in Form von 3D-Geistern auf.
Eine Art Geisterhaftigkeit strahlen auch die bildbasierten Steuerungssysteme der jüngsten Drohnengeneration aus. Nina Franz zufolge verfügen sie über einen zweiten, „synthetischen“ Bildtyp, der den PilotInnen dabei helfen soll, die Echtzeitvideobilder richtig zu interpretieren. Er erlaubt aber auch eine Steuerung ohne Zugriff auf die „echten Bilder“, allein innerhalb der „simulierten Welt“. Wie aus dieser Beobachtung hervorgeht, setzen hier „neue Verfahren der Autonomie und künstlichen Intelligenz an, die verdeckt unter den Oberflächen und Interfaces operieren. Sie bestimmen, was auf den Monitorbildern zu sehen ist, und treffen eigenständig Entscheidungen. Die Menschen an den Konsolen bekommen davon oft nichts mehr mit“6.

 

 

1 Siehe http://chrgj.org/wp-content/uploads/2012/10/Living-Under-Drones.pdf bzw. https://theintercept.com/drone-papers.
2 Julian E. Barens, Military refines a „constant stare against our enemy“, in: Los Angeles Times, 2. November 2009.
3 Interview: Tomas van Houtryve, Center for the Study of the Drone at Bard College, 13. Mai 2014; http://tomasvh.com/2014/05/13/interview-center-study-drone-bard-college/.
4 Ein Verweis auf Harun Farockis Film Erkennen und Verfolgen (2003), der in der Ausstellung gezeigt wird.
5 Vgl. Techniques of the Observer: Hito Steyerl and Laura Poitras in Conversation, in: Artforum, Mai 2015.
6 Nina Franz, Leise, unsichtbar und autonom, in: taz, 14. März 2015, S. 27.