Heft 3/2021 - Netzteil


Vertrauen muss schön sein, oder My Fair Mining?

Überlegungen zur Kryptobewegung

Taguhi Torosyan und Stefanie Wuschitz


„Wir interpretieren das Wort „Kryptowährung“ frei als dezentrales Tauschmittel auf einer gemeinsamen Werte- und Ethikgrundlage.“
(aus Crypto-Knitting-Circles von Ailie Rutherford und Bettina Nissen, 2019)

Die Diskussion darum, was genau unter „Krypto“ zu verstehen ist, dreht sich zumeist um die mutmaßlichen Folgen von Kryptowährungen in der Zukunft. Als erfolgreichste Beispiele werden dabei Bitcoin und Ethereum genannt. Wie alle neuen Technologien bringt auch „Krypto“ eine Flut von Hoffnungen und Fantasien mit sich. Die als Blockchain- oder besser als „Distributed-Ledger-Technik“ (DLT) bezeichnete Methode, die sich hinter dem Hype verbirgt, macht jedoch nicht nur dezentrale sichere Bankgeschäfte möglich. Als vielversprechende und noch nicht voll entwickelte Technologie verleitetet sie ihre Vertreter*innen dazu, Systemveränderungen zu postulieren, die alle möglichen Systeme betreffen werden.
Künstler*innen wie Ai Weiwei und Kollektive wie Pussy Riot wandten sich der Blockchain zu, um mit ihr Themen wie die Flüchtlingskrise und politische Unterdrückung zu thematisieren oder den „Artivismus“ bzw. Opfer häuslicher Gewalt zu unterstützen. Der „Big Blockchain Bang“ schuf aber auch einen ganzen Kosmos jenseits der etablierten Kunstwelt. Seine Stars heißen Beeple, Josie Bellini oder Itzel Yard (auch ixshells genannt), deren Arbeit für das Tor-Projekt den höchsten jemals von einer Frau erzielten Verkaufspreis im männerdominierten Cyberspace der Blockchain erzielte.1

Was ist Krypto?
Als Modewort, das spontan eher Fantasien von Geheimorganisationen und Hacker*innen, ethnischen Minderheiten im Untergrund und der Verschlüsselung sensibler Informationen provoziert, wurde die Vorsilbe „Krypto-“ immer mehr zu einem Synonym für die Blockchain und deren Hauptanwendung, digitale Währungen. Kryptowährungen weisen im Vergleich zu früheren Alternativwährungen einige Gemeinsamkeiten, aber auch bedeutende Unterschiede auf. Bitcoin und Ethereum zum Beispiel haben revolutionär neue Merkmale. Sie sind dezentral aufgebaut, ermöglichen grenzüberschreitende Transaktionen, haben weltweit Aufmerksamkeit erregt und werden von mächtigen Organisationen unterstützt.
Im Kern ist eine Kryptowährung digitales Geld, das aufbewahrt oder als Zahlungsmittel verwendet werden kann, und zwar unabhängig davon, ob Käufer*in und Verkäufer*in einander kennen. Die Grundlage von Bitcoin ist eine Buchführung ähnlich jener einer Bank, wobei aber Kopien der Konten auf Computern weltweit verteilt gespeichert und bei jeder Transaktion automatisch aktualisiert werden. Geldschöpfung und Buchführungsbetrieb erfordern sehr viel Rechenkapazität und Arbeit, für die jedoch nicht mehr wie bei einer Bank Mittelsmänner und -frauen verantwortlich sind. Stattdessen belohnt das System Menschen, die freiwillig die Kryptowährung auf ihren Privatcomputern oder Smartphones „minen“, also umgangssprachlich „schürfen“. So entsteht die Blockchain als dezentral geführtes Kontensystem – eine Buchhaltung, die durch ein Netzwerk aus Einzelpersonen und nicht mehr als abgeschlossene Entität geführt wird.
Dieselbe Technologie ermöglicht auch die Aufzeichnung und Übertragung digitaler Produkte. Sie werden im Internet übertragen, während die Blockchain gewährleistet, dass sie weder dupliziert noch reproduziert werden. So kann sie als digitales Register verwendet werden, mit dem das Eigentum an Kunstwerken dokumentiert, übertragen und verifiziert oder die Integrität, Authentizität und Verifizierung sensibler Daten, wie zum Beispiel von Gerichtsakten, garantiert wird. Wichtig ist dabei, dass die Blockchain für die Aufzeichnung, Übertragung und Verifizierung jeder beliebigen Art digitaler Gegenstände verwendet werden kann. Dies ist auch zumeist der Aspekt, mit dem Kryptokünstler*innen spielen.

Ursprünge
Der von Jude Milhon, einer der ersten Hackerinnen, sogenannte Cypherpunk ist eine Bewegung, die sich dem digitalen Kryptotechnik-Aktivismus verschrieben hat. Milhon, die mit Spitznamen auch „Schutzpatronin der Hacker“ genannt wird, stand bereits in den 1960er-Jahren am Beginn des Amalgams von Bürgerrechtsbewegung, Aktivismus und Informatik.
Das Krypto-anarchistische Manifest von Timothy May und anderen „gleichgesinnten Techno-Anarchist*innen“ erschien anlässlich eines Cypherpunk-Treffens 1988. Es beschwor das „Gespenst“ der Kryptoanarchie und das kommende „Kryptonetz“ und versprach die Befreiung geistigen Eigentums durch „Verschlüsselung, interaktive Zero-Knowledge-Beweissysteme und diverse Softwareprotokolle zur Interaktion, Authentifizierung und Verifizierung“. Als 30 Jahre später die Blockchain-basierten NFTs („non-fungible tokens“) das digitale und immaterielle Eigentum umkrempelten, stellte sich dieser Technikoptimismus allerdings als gänzlich fehlgeleitet heraus. Aber selbst Eric Hughes’ Manifest eines Cypherpunks aus dem Jahr 1993 unterstrich noch die Notwendigkeit anonymer Transaktionssysteme.

Verteilungskrise
Nach 2008 war das gesellschaftliche Klima durch die Unsicherheit und Unberechenbarkeit der Stabilitätsmechanismen in der Finanzbranche bestimmt. Besonders in Ländern mit rechtspopulistischer Wirtschaftspolitik geriet mit dem Bankensystem auch das Vertrauen in die Regierungen in die Krise. Während die Occupy-Bewegung noch auf eine vernünftige Umverteilung setzte, schlug 2008 ein Autor mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto mit seinem bahnbrechenden Report Bitcoin: A peer-to-peer (P2P) electronic cash system vor, das Vertrauen vom neoliberalen Establishment auf Algorithmen und Verschlüsselungssysteme zu verlagern.2
2013 entwickelte der erst 20-jährige russisch-kanadische Programmierer Vitalik Buterin, seinerseits unzufrieden mit der „beschränkten Funktionalität“ von Bitcoin, eine neue Open-Source-Blockchain mit Smart-Contract-Funktion. Nicht zuletzt wollte er damit „die großen Fische zugunsten der kleinen Fische demontieren“. Seine Methode wurde per Crowdfunding finanziert und ging 2015 als Ethereum-Netzwerk in Betrieb. Ethereum ermöglicht es Entwickler*innen, permanente, stabile und dezentrale Finanz-Apps (DeFi-Apps) zu programmieren, mit denen Benutzer*innen interagieren können. Kryptowährungsnutzer*innen konnten nun ohne jegliche traditionellen Finanzvermittler wie Makler*innen, Börsen oder Banken neues Kryptogeld mit ihren aktuellen Beständen besichern oder mit Zinsprofit verleihen. Ethereum ermöglicht zudem die Erstellung und den Handel von fälschungssicheren Zertifikaten namens „non-fungible tokens“, die mit digitalen Kunstwerken oder anderen realen Dingen verknüpft und als verifiziertes digitales Eigentum verkauft werden können.

Die Vereinnahmung der Alternative
Nur sechs Jahre später wetteifern etwa 2.000 Kryptowährungen, einige davon auf Basis der Ethereum-Blockchain unter dem Namen ERC-20 Tokens, um die Rechenressourcen von Miner*innen und Miningfarmen. Letztere bestehen aus Tausenden von Computern, die im Wesentlichen nur systemerhaltende Berechnungen ausführen. Etwas kolonialistisch mutet an, dass sich diese Miningfarmen vor allem im sogenannten globalen Süden befinden, der vom staatlich ausgegebenen Fiat-Geld der „Bitcoin-Wale“, also der großen Investoren, profitiert. Es überrascht daher nicht, dass aktuell eine erbitterte Diskussion über die Folgen des exzessiven Stromverbrauchs durch Kryptominingfarmen auf das Klima geführt wird.3 Gleichzeitig ändern sich aber auch die Stromquellen, auf die die Miner*innen angewiesen sind, je nach Jahreszeit, in denen Kryptowährungen mal erneuerbare, mal fossile Energie verbrauchen.4 Aktuell verwenden etwa 73 Prozent der Bitcoin-Miner*innen wenigstens teilweise erneuerbare Energie.5 Der Hype um die NFT-Galerien (sprich „nifty“, dt. „flink“), die Künstler*innen nach ihrem Erfolg auswählen, schien den Kryptowährungen bereits die Show gestohlen zu haben, bis unlängst die Marktpreise um circa 70 Prozent einbrachen und sich nunmehr stetig auf das sogenannte normale „Produktivitätsniveau“ des Hype-Zyklus neuer Technologien zubewegen.6
Das Hauptmerkmal des von manchen so bezeichneten Übergangs von der ersten zur zweiten Internetphase ist der Wechsel von der Informationsübertragung über einfache Netzwerke zum automatisch verifizierten Wertetransfer von Assets, Verträgen und Geld über „smarte“ Netzwerke. Diese ermöglichen insbesondere die Verwaltung der von Nick Szabo sogenannten intelligenten sozialen Verträge, und zwar via computerisierter Transaktionsprotokolle, die die Vertragsbedingungen garantieren.7 Während Szabo Verträge 1994 noch „Grundbaustein des Vertrauens in funktionierende Gesellschaften“ nannte, definierte er sie 1996 bereits als „Grundbaustein der freien Marktwirtschaft“.8

Technofeministisches Debugging
Schon 1972 machte die feministische Theoretikerin Silvia Federici deutlich, dass die unbezahlte Pflege- und Reproduktionsarbeit die Grundlage aller kapitalistischen Produktion, der Marktwirtschaft und damit auch der Ausbeutung durch das Patriarchat ist.9 Als politische Schlussfolgerung forderte sie Löhne für Hausarbeit. Wert wird erst dann zum Tauschwert, wenn er in ein Tauschverhältnis eingebunden ist. Der Handel ermöglicht den Kauf und damit die Ausbeutung von Arbeit. Daher ermöglicht er auch die Akkumulation von Kapital, die marxistisch gesehen nur durch Tauschverweigerung vermieden werden kann.
Im Jahr 2006 zeigte Wendy Lynne Lee, dass die feministische Wertetheorie letztlich darauf abzielt, Ökologie und Ästhetik zu emanzipatorischer Aktion im Dienste der Gerechtigkeit zu vereinen.10 Für die feministische Wertetheorie ist die Blockchain einerseits vielversprechend, weil sie eine basisdemokratische techno-ökofeministische Infrastruktur ermöglicht, andererseits aber auch problematisch, weil mit ihr Arbeitskraft, Zeit und Ressourcen marginalisierter Menschen und Maschinen in ihrer politischen und materiellen Kollektivökologie ausgebeutet werden können.
Das Projekt Distributed Cooperative Organization, kurz DisCo, verbindet die Blockchain mit den Anliegen der Commons, der Kooperation auf offenen Plattformen und mit feministischer Ökonomie. Damit zeigt es einen Ausweg gegenüber den Zielen und bisherigen Resultaten sogenannter Decentralized Autonomous Organizations oder DAOs.11 Als Projekt einer Gruppe selbstorganisierter Produzentinnen und Forscherinnen kann es als organisatorisches Vorbild radikal neuer Eigentums-, Führungs-, Unternehmens- und Bewertungsformen betrachtet werden, mit der die ausufernde wirtschaftliche Ungleichheit überwunden werden soll.
Die von DisCo erarbeiteten Modelle basieren auf sieben konzisen, aber nicht normativen genossenschaftlichen Prinzipien. Zu ihnen gehören die Fürsorglichkeit, soziale Ökologie, Diversität und Transnationalität der Natur, aktive Commons-Produktion, die Prototypenentwicklung für neue Wertströme sowie ein verstärkter Föderalismus als finales Ziel.
Initiativen wie DisCo öffnen neue Räume und schaffen eine Infrastruktur für radikal neue Antworten auf jene alten Fragen, die auch von der kritischen Kunst und sozial verantwortlichen Unternehmen gestellt werden: Können wir die Umweltzerstörung stoppen, indem wir beispielsweise genug Geld „machen/minen/generieren“, um einen Regenwald zu kaufen?12 Werden die Kritik an den ökologischen Kosten der Kryptokunst, die Erstellung eines Leitfadens für ihre Umweltfreundlichkeit oder Initiativen wie das Krypto-Klimaabkommen, Bitcoin Clean Energy, oder die weitgehend kohlenstoffvermeidende Algoraland-Blockchain eine grünere Blockchain-Zukunft schaffen?13 Oder ist nicht vielmehr die Idee des Ansparens das grundlegende Problem, weil es ein weiterer Aspekt der Kapitalakkumulation ist? Wird die Digitalisierung von verantwortungsvoll geschaffenem, „konfliktfreiem“ Gold oder durch die Rückverfolgung der Lebensmittelherkunft die Lieferketten umgestalten und damit das Ökosystem der Welt entlasten?14 Kann man den Landwirt*innen im Klimanotstand mit dezentralen Nutzpflanzenversicherungen helfen, ihre Ertragsausfälle auszugleichen?15
Und schließlich: Können wir die Pflegearbeit gerecht entlohnen, wenn wir einen Konsens über ihre ethische Bedeutung und ihren hohen Wert erzielen?16 Stellt nicht vielmehr „unsere“ Kultur und „unsere“ Haltung, kurz „unsere Erziehung“ die Wurzel des Problems dar? Können wir BIPoC-Künstler*innen jene Ressourcen zur Verfügung stellen, die sie für ihre künstlerische Arbeit brauchen?17 Oder schaffen solche Experimente und Initiativen bloß neue, noch tiefere materielle und digitale Ungerechtigkeiten?
Kurzum: Können wir die Krypto- und die Realwelt dekolonisieren, indem wir die Volkswirtschaften schrumpfen und den akkumulierten Überschuss digital verteilen?18

Fazit
Kunstschaffende liefern die nötige kritische Kontextualisierung der Blockchain-Technologie, die es uns ermöglicht, ihre Grundprobleme wie die Neudefinition von „Arbeit“ durch Kryptomining, „Vertrauensbildung“ durch maschinelle Algorithmen und „gemeinsame Werte“ durch den Wettbewerb zwischen Miner*innen zu diskutieren. Vertrauen an Algorithmen zu delegieren, ist in der Tat ein heikler Schritt, der von Wissenschaftler*innen und Menschenrechtsaktivist*innen weitgehend kritisiert wurde. Ihrer Ansicht nach sind Technologien niemals neutral und Algorithmen von Haus aus voreingenommen.19
Wenn wir die Kryptotechnik in den Dienst sozialer Gerechtigkeit stellen wollen, müssen technikkundige oder zumindest informierte Bürger*innen zuerst die Entwicklung und Auswahl der Technologien und ihre Transparenz öffentlich debattieren. Aber wie kann man sich ein eingehenderes Wissen über diese neuen Techniken aneignen? Die Rolle der Kunst kann es schwerlich sein, dieses Wissen zu vermitteln, sondern vielmehr, es zu problematisieren.

 

Übersetzt von Thomas Raab

 

[1] Vgl. R. Catlow et al. (Hg.), Artists Re:Thinking the Blockchain. Newcastle 2017, S. 21–38.
[2] S. Nakamoto, Bitcoin: A peer-to-peer electronic cash system, in: Decentralized Business Review, 2008; https://www.debr.io/article/21260-bitcoin-a-peer-to-peer-electronic-cash-system.
[3] https://www.ourenergypolicy.org/resources/the-bitcoin-mining-network-trends-composition-average-creation-cost-electricity-consumption-sources/
[4] https://cbeci.org
[5] https://coinshares.com/research/bitcoin-mining-network-december-2019
[6] Der Hype-Zyklus stellt die Phasen von Übererwartung, Enttäuschung bis zur Stabilität, die mit neuen Technologie nach deren Einführung einhergehen, dar. Der Begriff des Hype-Zyklus wurde von Jackie Fenn von der Marktforschungsfirma Gartner geprägt und dient heute zur Bewertung neuer Technologien.
[7] N. Szabo, Smart Contracts, 1994; https://www.fon.hum.uva.nl/rob/Courses/InformationInSpeech/CDROM/Literature/LOTwinterschool200/szabo.best.vwh.net/smart.contracts.html.
[8] N. Szabo, Smart Contracts: Building Blocks for Digital Markets, 1996; http://www.alamut.com/subj/economics/nick_szabo/smartContracts.html.
[9] S. Federici, Revolution at Point Zero: Housework, Reproduction, and Feminist Struggle. Brooklyn 2020.
[10] W. L. Lee, On ecology and aesthetic experience: A feminist theory of value and praxis, in: Ethics and the Environment, 2006, S. 21–41.
[11] https://disco.coop
[12] https://terra0.org
[13] https://memoakten.medium.com/the-unreasonable-ecological-cost-of-cryptoart-2221d3eb2053, https://github.com/memo/eco-nft, https://cryptoclimate.org, http://squ.re/BCEI-whitepaper, https://www.algorand.com
[14] https://www.responsiblegold.com, https://www.gcoin.com, http://www.ripe.io/
[15] https://www.worldcovr.com/
[16] https://www.communityeconomies.org/publications/reports/crypto-knitting-circles
[17] https://wizara.io
[18] P. Howson, Distributed degrowth technology: Challenges for blockchain beyond the green economy, in: Ecological Economics, 184, Juni 2021.
[19] C. D’Ignazio/L. F. Klein, Data Feminism. A new way of thinking about data science and data ethics that is informed by the ideas of intersectional feminism, Cambridge, Mass. 2020; V. Eubanks, Automating Inequality. How High Tech Tools Profile, Police, and Punish the Poor. New York 2018; J. Buolamwini, How I’m fighting Bias in Algorithms, 2016; https://www.ted.com/talks/joy_buolamwini_how_i_m_fighting_bias_in_algorithms; C. O’Neil, Weapons of Math Destruction. New York 2016.