Heft 2/2023


Sharing Worlds

Editorial


Welt ist alles, was geteilt werden kann. Dachte man die längste Zeit – und nahm etwa geopolitisch fatale Separationen in erste, zweite, dritte Welt vor, in entwickelte und weniger entwickelte Regionen, in Welten vor und solche hinter dem Vorhang. Einen entscheidenden Grundstein dieser verhängnisvollen Weltenspaltung hatte lange zuvor schon die koloniale Aufteilung und Besetzung ganzer Kontinente gebildet. Die gewalttätige Selbstüberhöhung, die auf weißer, westlicher Seite mit diesem Teilen und Herrschen einherging, stellt auch heute noch ein schwer zu überwindendes Syndrom weltpolitischer Machenschaften dar. Eine nach wie vor desaströse Hybris, der man inzwischen zwar gerne rhetorisch abschwört, die in Wirklichkeit aber (siehe Russland) todbringend wie eh und je ist.
Dieser Teilungsmentalität entsprach – und entspricht – auf ontologischer Ebene die Priorisierung der menschlichen gegenüber der nicht-menschlichen Sphäre, egal, ob damit Tiere, Pflanzen, Atmosphäre oder Klima gemeint sind. Und neuerdings, muss man hinzufügen, sind auch Maschinen und Formen „künstlicher“ Intelligenz zum umstrittenen Zankapfel dieser Weltenteilung geworden. Sind sie doch Inbegriff dessen, was die menschliche Vormachtstellung, und hier nicht zuletzt die besagten westlich-weißen Teilungsfantasien, aktuell mit am stärksten in Zweifel zieht. Hier wie dort hält man nach wie vor gerne am Phantasma fest, es handle sich um weitgehend abgekoppelte Bereiche, währenddessen ihre Verwicklung untereinander, Stichwort „Entanglement“, inzwischen augenscheinlich ist. Dennoch will die tatsächliche Durchmischung all dieser Teilwelten kaum jemand wahrhaben, würde dies doch am Ausnahmestatus derjenigen rütteln, die diese Einteilung zuallererst vorgenommen haben (und, so gilt es aus sozioökonomischer Sicht hinzuzufügen, immer noch stattlich davon profitieren).
Was jedoch, wenn man dieses Teilen anders zu verstehen versuchte? Wenn darin nicht das Trennende, sondern das – bei aller Differenz – Verbindende gesucht würde? Wenn Koexistenz und neue Arten der Kooperation, auch Symbiose, zwischen radikal verschiedenen ontologischen und kulturellen Sphären in den Vordergrund gerückt würden?
springerin 2/2023 fragt nach Hintergründen und Blaupausen solchen emphatischen, nicht ausgrenzenden Teilens, nach Strategemen des Brückenschlags zwischen divergierenden Seinsregionen, ja nach gemeinsamen Schnittmengen all jener, denen man ein kultiviertes Gespräch miteinander kaum zutraut. Anuradha Vikram etwa fragt ausgehend vom Begriff der „Verstrickung“ (Entanglement), wie er sich auf die Etablierung freierer, antihegemonialer Lebensformen umlegen lässt. Anhand einer exemplarischen Ausstellung zum Thema Queerness macht sie ein selbst schwer abzugrenzendes, in Schwebe befindliches Übergangsmoment geltend, nämlich jenes von einer „Macht über“ hin zu einer „Macht gemeinsam mit“ – einer Art von gemeinschaftlicher Teilhabe, die sich nicht vorschnell über Trennendes hinwegsetzen will. Einer Kultur des Lernens, was einen solchen Übergang betrifft, ist auch die Arbeit des Karrabing Film Collective verpflichtet, das sich im australischen Nordterritorium gegen vielerlei (weiße) Machtansprüche zur Wehr setzen muss. Im Gespräch mit den Karrabing-Mitgliedern Elizabeth A. Povinelli und Cecilia Lewis stehen Praxis und Theorie des fortwährenden antikolonialen Überlebenskampfs im Mittelpunkt, der eine Außerkraftsetzung der von Povinelli sogenannten „Geontopower“ anstrebt.
Weitere Beiträge nehmen aktuelle Ausformungen dieser „geoontologischen“ Macht in Augenschein. Der Künstler Oleksiy Radynski etwa führt 24 Territorien vor Augen, die innerhalb der Russischen Föderation heute immer noch besetzte Landstriche bilden. Anna Karpenko widmet sich in ihrem Essay dem heiklen Status von kultureller Identität und Zugehörigkeit in Belarus, die sie entgegen hoheitlicher Verfügung in einem prekären Zwischenbereich angesiedelt sieht. Welchen besonderen Zerreißproben das soziale und politische Miteinander hierzulande ausgesetzt ist, beleuchten – aus historischer Perspektive – der Beitrag von Helmut Lethen und – mit Bezug zur gegenwärtigen Klimadebatte – der Essay von Magdalena Taube und Krystian Woznicki. Während Lethen die geschichtlichen Lehren (und Unterschiede zu) der Spaltung der Gesellschaft vor 100 Jahren rekapituliert, stellen Taube und Woznicki Überlegungen an, inwiefern das Zusammenführen von Umwelt- und Arbeiterbewegung ein unabdingbares Erfordernis im Hinblick auf einen neuen „Commonismus“ darstellt.
Dass dieser „Commonismus“ entscheidend auch im Geografischen wurzelt, wird von Carlos Roberto Bernardes de Souza Júnior in seinem kritischen Ausblick auf mehr-als-menschliche Koexistenzformen erläutert. Ergänzend dazu werfen das Interview von Susanne Karr mit der Künstlerin und Tieraktivistin Carol Gigliotti und der Beitrag von Thom van Dooren über eine gerade aussterbende Vogelart in Australien Schlaglichter auf diese mehr-als-menschlichen Verwicklungen. Die Künstler*innen Anca Benera und Arnold Estefan schließlich imaginieren in ihrer Bildserie The Delusion of the Commons die letzten unberührten Orte der Erde – auch das ein Fingerzeig, dass alles traditionell gepflogene (Auf-)Teilen irgendwann an existenzielle Grenzen stößt.
In Summe enthält die Ausgabe Sharing Worlds Testläufe und Annäherungen – dahingehend, was es heißt, die immer noch hartnäckigen Demarkationen zwischen menschlichen und mehr-als-menschlichen Belangen zu überwinden und so pauschalisierenden Welteinteilungen entgegenzuwirken. Ohne den Verlockungen einer ominösen „One World“-Harmonie zu erliegen, steht dabei im Fokus, Teilen und Teilhabe mit neuem, noch unverbrauchtem Sinn aufzuladen.