Heft 2/2023 - Netzteil


Im Auge der Datafizierung

Wie die Intermediakünstlerin und Aktivistin Manu Luksch mit ihren jüngsten Arbeiten KI-Technologien mit eigenen Mitteln herausfordert

Christa Benzer


Es sieht aus, als wäre die Welt zerbrochen: Rund um ein ruhendes Zentrum sind unzählige Schnipsel von Häusern, Bäumen oder Parkplätze zu sehen, die nach außen hin konzentrisch kleiner, massenhafter, undurchschaubarer werden. Das zweite Bild, das zu dem Diptychon gehört, zeigt dieselbe kalifornische Gegend – sie scheint im Weltall zu „floaten“ und kleinste Bestandteile wie auf Schnüren nach sich zu ziehen.
Was für die menschliche Perspektive befremdlich wirkt, ist das Ergebnis algorithmischer Interpretationen von Drohnenaufnahmen sogenannter Superfund-Sites. Als solche werden jene kontaminierten Gegenden in Kalifornien bezeichnet, in denen die boomende Halbleiterindustrie der 1970er-Jahre ihre Standorte hatte. Eine dieser „Sites“, die von der Umweltschutzbehörde gesichert und saniert werden (sollte), befindet sich in der Nähe der Standford University, wo die Intermediakünstlerin Manu Luksch während einer Residency auch ein Schild mit der Warnung vor krebserregenden Chemikalien im Boden entdeckte.
Die in der Folge von ihr recherchierten, insgesamt zwölf Standorte ehemaliger Siliziumwafer- und Chipfabriken gehören zu den Übergangs- und Ausnahmezonen, mit denen Luksch sich im Rahmen ihres Projekts Atlas of the Liminal auseinandersetzt: Vor den Halbleiterstandorten im Santa Clara County hat sie mit einer Drohne die Bay Area in Kalifornien kartiert, einen der teuersten Wohnungsmärkte der Welt, aber auch Stadtviertel der senegalesischen Hauptstadt Dakar, bei der es ihr unter dem Titel Ghosts Across the Faultline um das Sichtbarmachen der Verwerfungen im Zuge (post-)kolonialer Entwicklungen ging.
In ihrer jüngsten Serie From Matter to Data steht die materielle Hinterlassenschaft von Big-Data-Technologien im Zentrum, die, anders als es uns simplifizierende Metaphern des Virtuellen wie etwa die „Cloud“ – bekanntlich ein riesiger Brocken aus Stein, Lithium und Erdöl – weismachen sollen, sehr reale Auswirkungen auf Körper, Politik und den Planeten haben.
Aktivist*innen wie Manu Luksch arbeiten an „widerständigen Metaphern“1 und „besseren KI-Bildern“2, um die Auswirkungen der Datafizierung auf sämtliche Lebensbereiche sowie die Prozesse des Datensammelns und Auswertens besser verständlich zu machen. Für die Ausführung der zwölf Diptychen hat sie eine Photogrammetrie-Software verwendet, die die Aufnahmen der kontaminierten Gebiete zunächst als dreidimensionale Punktwolke vermisst und in geometrische Netze umwandelt. Um ein fotorealistisches 3D-Modell zu erstellen, errechnet das Programm anschließend 2D-Texturatlanten, die die dreidimensionalen und zeitlichen Daten zur Weiterbearbeitung auf der Fläche umwandeln.
Als wäre diese „Verflachung“ nicht brachial genug, tendieren Algorithmen dazu, Daten zu „verschweißen“, das heißt, jene Daten, die ähnlich sind, zu nivellieren und geradlinig oder als „Kacheln und Charts“ zusammenzupacken. Das Ergebnis dieser beiden „Interpretationen“ sind zwar exakt nach Größe und Farbe angeordnete Daten, allerdings weisen sie auch immense formale Verkürzungen, Fehlstellen und Verzerrungen auf: Man sieht „Sites“, die in 1.000 Teile zersplittert sind, oder Fragmente, die wie Eisschollen aus Beton auseinanderdriften. Trotz der teils gewaltigen Bruchstellen kann man erkennen, dass es sich vorwiegend um urbane Nachbarschaften mit Häusern, Volleyballplätzen und Grünanlagen handelt.
In den Bildbeschreibungen nimmt Luksch die ehemals hier ansässigen Unternehmen durch ihre Benennung (unter anderem TRW Inc, Philips Semiconductors, Raytheon Corp., Union Carbide, Hewlett Packard, CTS Printex) auch konkret in die Pflicht. Eine weitere Ebene zieht sie mit den Bildtiteln ein, die an Foucaults Theorien zu Überwachungs- und Kontrollmechanismen geschult sind: Spectral Crosswalks Bridging Pioneers of Aerial Mapping with Architects of the New Panopticon (II) oder Fracture Zone, Deferred Responsibility (I) heißt es da etwa, und mit beidem, der Warnung vor den Gefahren eines „neuen Panoptikums“ sowie der Forderung nach konkreter Verantwortungsübernahme, tritt Manu Luksch auch im Reader Uncertain Archives. Critical Keywords for Big Data3 auf. Wie ein Glossar aufgebaut werden darin Schlüsselkonzepte von Big-Data-Technologien analysiert, darunter „Vulnerabilty,“ Visualization“ oder „Prediction“, der Art von Vorhersage, mit der sich Luksch befasst: Was historisch betrachtet kulturelle Autorität gewährleistete, ist heute unmittelbar mit dem monetären Kalkül von Unternehmen und deren Motto „The easiest way to predict the future is to produce it“ verknüpft.
Im Kampf gegen die „zentralisierte Vorhersagekraft“ durch KI-gestützte Prognosesysteme und die zunehmende Macht der Prädiktiven Analytik sieht sie auf mehreren Ebenen Handlungsbedarf: bei subversiven, sich selbst und andere schützenden Praktiken der User*innen, aber auch bei der Politik, die „robuste Modelle für Rechenschaftspflicht und Transparenz entwickeln müsse sowie Prozesse für deliberative Gerechtigkeit und Konzepte für menschliches und planetarisches Wohlergehen“4.
An die Politik gerichtet ist dementsprechend auch die Forderung „Seperate the data layer from the service layer!“, die im Video I thought I was Hearing Citizens (2022) wie ein Mantra auftaucht. Die Arbeit basiert auf einer Installation von Manu Luksch und Mukul Patel für das Vienna Humanities Festival 2022 und ist wie ein Schulungsvideo aufgebaut – nur dass statt echten Personen aus menschlichen Akteur*innen generierte KI-Avatare Auszüge aus kritischen Diskussionen über die Auswirkungen der zunehmenden soziotechnischen Verschränkung von sozialer und digitaler Sphäre wiedergeben: „They are not in control of their data, and they are not even in control of their eyeballs – because they find themselves two hours later after having scrolled for two hours.“ In diesen zwei Stunden wurden massenhaft Daten gesammelt, algorithmisch verknüpft und Annahmen über Kaufkraft und Gesundheit gewonnen oder Gesichtserkennungs- und Identifizierungssoftware trainiert.
Die Forderungen der User*innen liegen auf der Hand: „I want to exercise the right to access my data, to correct my data, to delete it.“ Dazu bedarf es Eingriffen in Unternehmen wie Facebook und Twitter, nötig sind aber noch weitere politische Antworten auf offene Fragen: „Does it matter that there is no body behind?“, fragen Luksch und Patel am Ende des Videos etwa und geben insofern eine Antwort, als ihre Avatare nicht ausschließlich schöne, schlanke, weiße Personen, sondern auch Arbeiter*innen, PoC, Männer und Frauen sind.

 

 

[1] Isabel Paehr, Materielle Gegenpraktiken zu Big Data 2019; https://publikationen.soziologie.de/index.php/kongressband2018/article/view/1153.
[2] Better Images of AI heißt ein Projekt von Alexa Steinbrück, in dem es darum geht, weniger missverständliche Bilder von KI-Technologien zu erstellen. Darunter Bilder der unterbezahlten Clickworker*innen, die die KIs trainieren, Siliziumkristalle, die auf das buchstäbliche „Mining“ hinweisen, oder möglichst simple Erklärungen für komplexe technische Vorgänge; https://betterimagesofai.org.
[3] Manu Luksch, Prediction, in: Nanna Bonde Thylstrup/Daniela Agostinho/Annie Ring/Catherine D’Inagazio/Kristin Veel (Hg.), Uncertain Archives. Critical Keywords for Big Data. Cambridge: MIT Press 2021, S. 415.
[4] Ebd.